Warum eigentlich?

Eines Tages, dachte ich, könnte ich aufwachen und die Tage genießen. Ich dachte, eines Tages würde ich in einem anderen Land aufwachen und ein anderer Mensch sein, ein glücklicherer als hier.

Gab es nicht viele, die das versprachen, Zeitungen, Schmierblätter, Fernseh-Dokus, Songzeilen? Schon immer hatte ich mich nach woanders verzehrt. Wenn ich in einer Wiese lag und den Himmel beobachtete, mit hohen Grasähren um mich, die sich im Wind wiegten, dann versetzte ich mich auf eine der Wolken und flog auf ihr. Hauptsache weg. Immer dann begann mein Magen zu schmerzen. Fernweh. Es war schön zu leiden, während meine Freunde den Himmel genossen. Dieses Land war schlecht, ich hatte es schon immer gewusst.

Du wirst mir zugestehen, auch Du hast dich schon einmal weggewünscht, hast dir vorgestellt, wie es wäre, alles fallen und liegenzulassen. Möbel, Auto, Wohnung, vielleicht auch die Familie?

An diesem Punkt war ich damals angelangt.

Ich musste weg. Dieses Mal durfte es keinen Aufschub geben, schließlich bin ich Realist: Wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich es nicht mehr tun, altbekannte deutsche Weisheit.

So schwang ich mich auf mein Rad, um zu sehen, was sich machen ließe. Da ich Studentin bin, weiß ich, dass die nächsten dreimonatigen Semesterferien kommen. Zwar habe ich einen seriösen Job, wo ich nicht einfach wegbleiben kann, aber ich kann meinen Vertrag für acht Wochen unterbrechen. Acht Wochen. Acht Wochen müssten reichen, dachte ich.

Müssten reichen, um mir den Kick zu geben, etwas völlig anderes, abgefahrenes zu machen. Rucksack-Reisen – zu banal, zu touristenmäßig. Das machte jeder. Es musste etwas anderes geben.

An der Uni fand ich heraus, dass es eine weltweite Studentenorganisation namens AIESEC gab, die in alle Welt Praktika vermittelt. Praktisch. Hörte sich gut an, vielleicht gab es etwas in die Richtung Entwicklungshilfe.

Manchmal denke ich, ich bin zu deutsch. Der Besuch bei dieser Organisation war fünf Monate her. Seitdem hatte ich alles - alles! - auf diesen achtwöchigen Auslandsaufenthalt eingestellt. Ich ging einen neuen Arbeitsvertrag ein, um nicht mehr einmal, sondern zweimal pro Woche arbeiten zu können, und danach richtete ich mir einen deutlich dezimierten Semesterstundenplan ein. Sogar meine Haare ließ ich mir raspelkurz schneiden, nur um im Ausland auch mal vier Tage ohne Haarewaschen auszukommen. Übrigens sehr zum Leidwesen meines Freundes.

Ich schaffte es halbwegs, das zusätzlich verdiente Geld sofort für Impfungen, Vermittlungsgebühren etc., kurz, für "das Ausland" zu verwenden. Wo es hingehen sollte, war mir nahezu egal, nur Europa und Nordamerika hatte ich ausgeklammert. Je weiter weg und je fremder, desto besser. Oder anders ausgedrückt:

No risk, no fun.

Es gab Zeiten, zu denen dies mein Leitspruch gewesen war. Keine Ahnung, warum ich ihn schon länger nicht mehr ausgesprochen hatte.

Nach weiteren fünf Wochen kamen dann zwei Angebote aus Indien. Das eine fiel bald weg, das zweite stand im Raum. Und stand und stand.

Eine Woche vor meinem geplanten Abflugtermin stand allerdings immer noch nichts fest. Obwohl noch kein OK aus Indien da war, beantragte ich das Visum für Indien im Schnellverfahren.

Am gleichen Tag sagte die besagte Firma ihr Angebot ab. Also ließ meine Betreuerin eine Hilferuf-E-Mail nach Indien an alle dortigen Büros der Organisation vom Stapel, auf welche sich drei Leute meldeten. Leute aus Ahmedabad, aus der Nähe von Kashmir und aus Kalkutta. "Indrani" aus Kalkutta erwies sich als der fleißigste E-Mailer, also entschied ich mich, am Mittwoch den Flug in diese Stadt zu buchen und Samstag zu fliegen.

Der Abflug

Ich war so weit, zu sagen: es ist mir egal, ob in Indien tatsächlich ein Praktikum stattfindet oder ob ich schließlich doch herumreise. Denn, wie es eben so sein sollte, hatte ich, als ich Samstag Morgen um 6.00 Uhr mit meinem Freund aufstand, immer noch kein OK in der Hand. Also würde ich ins Blaue hinein fliegen. Indrani hatte mir zumindest noch seine Privatnummer gemailt, die einzige Beruhigung für meinen Freund.

Schon auf der Autofahrt zum Flughafen war mir schlecht. Der Himmel über München war hellblau, die Sonne stach schon um 7 Uhr herunter – dies würde der erste richtige Sommertag in Deutschland werden, und ich…

Kalkutta! Monsun, 1 Mio Obdachlose bei 13 Mio Einwohnern, heißes Pflaster, alleinreisende Frau, Armut, unvorstellbare Armut, alleine…

drei meiner Kumpels, die ich noch Freitag Abend getroffen hatte, wussten mir von Bekannten zu berichten, dass Kalkutta die gefährlichste Stadt Indiens und für das Land überhaupt nicht repräsentativ sei, da nur hier die Armut solche Formen…

mein Freund fragte mir Löcher in den Bauch, belanglose Sachen, dabei konnte ich vor Aufregung doch kaum atmen.

Nach dem Einchecken am Flughafen saßen wir noch kurz in einer Cafeteria, blaues Wasser rauschte eine beleuchtete Glasplatte hinunter und ich würgte mir eine halbe Brezel den Hals hinunter.

Ich zitterte, bei dem Gedanken an den Abschied trat mir das Wasser in die Augen, mein Freund war sprachlos.

Dann standen wir vor der Wartehalle, wo nur ich hineinkommen würde und umklammerten uns. Zum ersten Mal seit 4 1/2 Jahren mehr als zwei Wochen getrennt. Zwischen uns Kontinente, Zeitverschiebungen, Kriege, Elend, verschiedene Kulturen und getrennt gemachte Erfahrungen.

Zum letzten Mal seine blauen Augen, ein Umdrehen, ein paar Schritte, eine Last auf meinen Schultern, ein Body-Check und plötzlich so allein wie noch nie. Auch in den schwersten Stunden war immer JEMAND da gewesen, doch jetzt…

Der Flug

Es ist unglaublich, aber jetzt sitze ich in einem Flugzeug und fliege – zunächst – nach Bombay. Ich sitze allein in einem Flugzeug und es stellt sich kein gutes Gefühl ein. Habe Angst. Pure, vielleicht noch nie so heftig gefühlte Angst. Was, wenn ich Indrani nicht erreiche, was, wenn ich alleine als weiße Frau durch die Straßen gehen muss? Wie hatte ich auf die Idee kommen können, dieses Abenteuer bestehen zu müssen?

Sogar der nette, aber schwer verständliche Inder (!) neben mir wundert sich, wie ich alleine durch Indien reisen will.

Auszug aus meinem Reisführer:

„Kalkutta:

´Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße schreiben, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte. Wie es wimmelt, stinkt und lebt und immer mehr wird.´ Günther Grass [...] Mahatma Gandhi bezeichnete [Kalkutta] als ´die Pestbeule Indiens´. [...] Bereits die Erwähnung des Namens erweckt Bilder von Hunger, Krankheit, Elend und Tod. Kalkutta kann den zweifelhaften Ruf für sich in Anspruch nehmen, die Stadt mit dem weltweit schlechtesten Image zu sein. [...] Mit Delhi gehört sie zu den sieben Städten der Erde mit der schlimmsten Luftverschmutzung. Das mörderische, schwül-heiße Klima zusammen mit der abgasgeschwängerten Luft hat dazu geführt, dass fast die Hälfte aller Bürger an Bronchitis, Lungenentzündung, offener Tuberkulose [...] leiden. Bleihaltig wie die Luft ist auch das Trinkwasser, da die Rohre des städt. Wassernetzes noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen. [...] Kanalisation gibt es nur im Stadtzentrum, so dass jedes Jahr zur Monsunzeit die Straßen mit von Exkrementen durchsetztem Hochwasser überspült werden. Da regt das jeden Tag mehrmals zusammenbrechende Stromnetz inzwischen schon niemanden mehr auf. [...]“[1]

Es ist genug jetzt, mit so einem Angst-Bauch werde ich keinen Bissen hinunterkriegen, dabei werde ich doch meine ganzen Kräfte brauchen.

Wir überqueren Jugoslawien. Die Felder sehen chaotischer angeordnet aus als in Deutschland, die Waldflächen sind viel größer. Es gibt Flächen, wo ich mich frage, was auf ihnen getan oder auch nicht getan wird. Blanke Erde, Erosionsschäden, ehemalige Schlachtfelder aus dem jugoslawischen Krieg?

Es ist Essenszeit bei Delta Airlines. Huhn in Stücken mit labberigen Kartoffeln.

Danach schaue ich dem indischen Film zu, der gezeigt wird. Währenddessen eine Durchsage des Flugkapitäns auf englisch: "Wenn sich jemand an Bord befindet, der Mediziner ist oder erste Hilfe leisten kann, melde sich dieser bitte bei einem der Stewarts". Plötzlich Bewegung im Flugzeug, auf dem mir gegenüberliegenden Gang rennt ein Stewart an meiner Reihe vorbei, biegt zu meinem Gang ein. Ich drehe mich um und sehe den Kopf eines Inders, der unkontrolliert zuckt. Er spuckt, verdreht die Augen und rammt den Hinterkopf an seinen Sitz. Ein weißes Mädchen, mein Alter, steht hinter dessen Sitz und versucht, den Kopf festzuhalten. Jetzt ist meine Sicht versperrt, eine Traube von indischen Fluggästen steht um den Sitz des Kranken herum und debattiert. Nach 10 Minuten kommt der Flugkapitän höchstpersönlich, um sich ein Bild zu machen.

Er humpelt ein wenig, sein Alter würde ich so hoch ansetzen, dass er nach deutschen Maßstäben längst nicht mehr fliegen dürfte. Dennoch machen seine große, einst wohl durchtrainierte Gestalt und sein Auftreten Eindruck, mit ihm als Captain kann uns gar nichts passieren, er hat schon alles erlebt.

Er bleibt lange dort hinten und telefoniert mit irgendwelchen Menschen, die nicht an Bord sind, so dass ich zu fürchten beginne, dass er wegen des Kranken über eine Zwischenlandung nachdenkt. Oh nein, bitte nicht, warum immer ich… wahrscheinlich habe ich mit meinen bisherigen zwei Notlandungen noch nicht genügend viele erlebt. Doch es passiert nichts weiter, nach einer halben Stunde kann der Geplagte aufstehen. Meiner Ansicht nach hatte er einen epileptischen Anfall, erfahren kann ich jedoch nichts Näheres.

Beim Anflug auf Bombay wundere ich mich über die Baracken, die direkt neben der Landebahn stehen.

Nach der Landung in Bombay stehe ich ganze zwei Stunden mit Menschen aus unserer und einer weiteren Maschine zusammen und warte darauf, durch die Passkontrolle gehen zu dürfen. Es ist unglaublich stickig, ich fühle Rinnsäle aus Schweiß von meinem Hals bis zum Bauchnabel laufen. Doch den dünnen Wollpulli – Mittel gegen das Airconditioning im Flugzeug – kann ich nicht ausziehen, kein Platz dazu. Ein Mann in dunkelgrüner Uniform geht um die Säule rechts vor mir herum und klopft auf die beiden dort angebrachten Ventilatoren. Ventilatoren! Er begutachtet deren Kabel, guckt die restlichen Ventilatoren im Raum an und zuckt mit den Schultern. Aha. Nichts bewegt sich.

Auch nicht die Schlange. Irgendwann spreche ich das deutsche Pärchen neben mir an, es ist einfach zu langweilig. Im Smalltalk erfahre ich, dass wir per Shuttlebus den Flughafen wechseln müssen, um innerindisch weiterfliegen zu können. Okay, ich beschließe, mich so lange an die beiden zu hängen. Eine gute Entscheidung – da alle Beamte hier mehr als unfreundlich dreinblicken, hätte ich alleine lange gebraucht, um zu kapieren, dass mein Flug nach Calcutta ("K'alkatta") nicht von hier abgeht. Gepäck abholen!

Draußen regnet es. Mein erster Monsun! Die Busfahrt ist kurz, danach trenne ich mich von den beiden Deutschen, da sie woanders hinfliegen.

"Aber jetzt", denke ich, völlig mit den Indern allein, unsicher warte ich als einzige Weiße in einer Check-in-Luggage-Schlange. Fühle mich beobachtet. Bin ich denn schon hier, noch an der Westküste Indiens, Exotin?

Es ist 3 Uhr morgens Ortszeit, ich bin putzmunter und mein Flug geht um 6.20 Uhr. Mein Rucksack rollt das zweite Mal auf einem Band in ein schwarzes Loch. Dieses Mal habe ich ein mulmiges Gefühl… ob ich ihn wohl wiedersehen werde…Indian Airlines…

Da ich zuvor, mit dem Pärchen, Geld getauscht hatte, 20 Rp für 1 DM, kaufe ich jetzt das erste Mal in Indien ein: Wasser für 30 Rp. Ein Flughafenpreis?

Auf einem der wenigen gepolsterten Stühle entdecke ich das Mädchen, das dem Kranken auf dem Herflug den Kopf gehalten hatte. Eine Medizinstudentin aus Frankfurt, die nach Hyderabad möchte. Ziemlich tough und ziemlich rechthaberisch, aber als alte Indienreisende einige Tipps auf Lager. Übrigens, es hatte sich tatsächlich um einen Epilepiker gehandelt. Der Mann hatte nicht von seinem Leiden gewusst, es war sein erster Anfall.

Calcutta

In Calcutta angekommen (9.00 Uhr), bangte ich zuerst einmal um meinen Rucksack. Echt, ich schwör', er kam als letzter vom Band, ich war ein einziges Nervenbündel. Nebenbei die Blicke der Männer, teilweise offen, teilweise rasch zur Seite gewendet, wenn ich sie ansah. Tatsache, ich war die einzige Weiße hier im Gebäude. Die Blicke der Frauen eher abschätzig, wahrscheinlich wegen meines Outfits - sie waren alle sehr gut gekleidet, für mich wie aus einem Märchenbuch entsprungen, grüne Saris[2], gelbe, rosa und blaue Saris.

Sie sahen so gepflegt aus, in keinem westlichen Land hatte ich so viele hübsche Frauen auf einem Fleck gesehen.

Dann, die erste richtige Mutprobe: das Hinaustreten ins Freie, wo dutzende Wartende mit oder ohne Schildern, mit oder ohne Hemden, Bekannte, Verwandte, Taxifahrer und vielleicht Taschendiebe warteten und sich um den Eingang drängten. Würde Indrani mich abholen? Für einen kurzen Augenblick dachte ich, ich hätte ein Schild mit dem Namen meiner Organisation gesehen, aber Fehlanzeige. Also marschierte ich durch die Masse hindurch und ward prompt von einem fleißigen Taxifahrer angesprochen, der mich für umgerechnet 20 DM in die Stadt fahren wollte. Er hielt mir einen schreibmaschinengeschriebenen Zettel unter die Nase, auf dem "officially" geschrieben stand, dass dies seit dem 1.1.2000 der Preis für eine Fahrt vom Flughafen "to any hotel in the town" sei. Da ich völlig - ich betone: völlig! - fertig war, ließ ich mich darauf ein, blätterte in meinem Reiseführer und nannte ihm ein Hotel in Nähe der Sudder Street, Zentrum. Wahrscheinlich habe ich alles, aber auch alles falsch gemacht, was man als blöder Tourist falsch machen kann!

Die Fahrt

Es waren keine Slums, an denen wir vorbeifuhren, es war nur eine lange Straße mit Wald daneben, dennoch… dennoch waren da Menschen auf dem "Gehsteig" oder auf der Straße, zwischen den Autos, sie lagen am Rand auf dünnen Matten oder hüpften mit anderen Kindern in dünnen Hemdchen oder nackt herum, sie brieten Fladen auf dem Boden und legten sie auf einer abgenutzten Fläche daneben aus, sie saßen unter Strohdächern, die wandlos von dünnen Holzstöcken getragen wurden, sie taten etwas oder sie taten nichts - es war ihnen gleichgültig.

Mir war heiß. Wie konnten sie teilweise so geschäftig sein, oder war es nur die Masse, die für mich so wimmelte? Der Taxifahrer hupte, vor uns zogen sich zwei magere Kühe wieder an den Straßenrand zurück. Er gab Gas, hupte wieder, der Bus schräg vor uns wich etwas aus, damit wir ihn überholen konnten.

Jedes Auto hupte alle paar Sekunden, Höllenlärm, nettes Kommunikationsmodell.

Zuerst sah ich nicht geradeaus, da ich dachte, aus Angst um mein Leben in diesem Taxi, bei diesem Fahrstil, an einem Herzinfarkt zu sterben. Doch schon bald kam Routine rein. Kam uns ein Auto direkt entgegen und konnte ich aufgrund des Linksverkehrs nicht sagen, wer da nun falsch fuhr, legte ich im Geiste alles in die Hände meines braven, tapferen Taxifahrers. Lief ein Mensch fast ins Auto, wollte der Fahrer einem anderen Auto nicht ausweichen, drohte uns ein Bus, den wir langsam überholten, durch stetiges Näherkommen zu zerquetschen – ich blieb ruhig.

Mulmig wurde mir erst wieder, als wir plötzlich in der Stadt waren. Es gab keine Hochhäuser, an denen man den Übergang hätte erkennen können, es gab plötzlich ein Gemisch aus alten braunroten Herrenhäusern und flickenteppichartig angebauten und zusammen­gebauten Häusern mit vielleicht durchschnittlich vier Stockwerken, und… viel mehr Menschen. Menschen, und genauso viele Farben, ein Farbtopf aus Menschen, ein Straßenzug aus bunten Tüchern…

die Straße uralter, löchriger Beton, hier und da eine Fahrbahn­begrenzung aus braunen, schiefstehenden Steinen, dahinter, etwas erhöht, der Bürgersteig aus plattgestampfter Erde oder Stein­fragmenten. Schwer zu unterscheiden, welche Straße man gerade entlang fuhr, ich sah fast keine Straßenschilder und trotz der vielen haltenden Busse keine Busstop-Schilder.

Alles floss ineinander, schien so eins zu sein. Mir jagte ein Schauer über den Rücken, wie vor kurzem im Flugzeug griff die Angst nach mir, ich war so fremd, hier.

Das Hotel

Mein Fahrer fragte sich nun zu meinem Hotel durch. Die nächste Mutprobe: aus dem Taxi hinaus und auf Calcutta-Boden, unter den Blicken von Budenverkäufern, am Boden liegenden Kindern und Straßenhunden, in einen Hinterhof zu gehen, zur Rezeption, wo drei Inder mich anstarrten, einer auf einem Sofa und zwei hinter der großen Holztheke. Ja, ein Zimmer möchte ich, für eine Nacht erstmal, vielleicht auch länger, ich kann es anschauen, ok.

Ich folge einem hergerufenen Jungen, der schielt, die Treppe hinauf, vorbei an zwei spielenden Mädchen, eines davon halbnackt, die Treppe ist aus Stein, abgewetzt und staubig zugleich.

Das Zimmer ist komfortabler als ich dachte, aber natürlich einfach eingerichtet: Bett, Spiegel, Schränkchen mit Telefon, Telefonate nur innerhalb Indiens, auf Wunsch auch Klopapier, Bad mit Spiegel. Und – wie ich später erfahren würde - mit Mottenkugel[3] im Abflussloch des Waschbeckens.

Ich packte nicht groß aus, wollte ja nur Indrani erreichen und von ihm woanders untergebracht werden. Dank des Telefons im Zimmer würde ich mir viel Rennerei sparen, er war nämlich nicht zu Hause, würde in einer Stunde da sein. Ich legte mich aufs Bett, döste ein. Stellte irgendwann fest, dass es keine Bettdecke gab, war froh über das dünne Deckchen, das ich aus dem Flugzeug geklaut hatte. Obwohl es trotz des Ventilators heiß und stickig war, würde ich das Deckchen brauchen, eher aus psychologischen Gründen.

Ich probierte es wieder bei Indrani, heute abend erst zu erreichen, döste. Kam auf eine merkwürdige Idee, kramte mein Handy aus den Tiefen meines Rucksacks hervor, wusste, dass es von D2 nur in Bombay ein Netz gab, schaltete es ein, las mir die drei letzten SMS aus Deutschland durch, sah auf dem Display: volles Netz! (Dualband sei Dank) Konnte es nicht fassen, wählte meine Nummer zu Hause, mein Freund ging nicht ran, es war noch sehr früh in Deutschland.

Probierte es nochmal, er meldete sich leise, verschlafen, tat in knappen Sätzen seine Erleichterung über mein Ankommen kund, ich war zu hektisch, um ihm alles Liebe zu wünschen, er zu verschlafen. Ich fühlte mich einsam, hilflos, nichts zu tun, kein Zweck hinter dem Ganzen. Schlief.


Die Straße

Um 15 Uhr musste ich raus. Wusste, dass ich die Angst vor dieser Stadt und dem Umgang mit den Menschen nur durch Konfrontation verlieren konnte. Schnallte mir den Bauchgurt mit allen wichtigen Dingen drinnen um und verließ das Zimmer.

Glück ahoi, an der Rezeption traf ich zwei Iren, Studenten, on holiday, reisten zu siebt, wollten hier für 4 Wochen irgendwo irgend­welchen Kindern helfen.

Sie sagten, sie würden mich nach draußen begleiten, denn sie wüssten, wie shocking der erste Spaziergang sein würde. Ich war heilfroh.

David und Niall nahmen mich in die Mitte, im Gänsemarsch tappten wir eine halbe Stunde durch einen Park, an Märkten vorbei, an stillen und belebten Straßen entlang, wunderten uns über die Vielfalt der Waren, den Verkehr, darüber, dass Leute auf die Straße spuckten, wo immer sie gerade standen.

Wir sahen Bettler, die Gott sei Dank nur die zwei Jungs anbettelten, staunten über nackte Kinder, die uns anlächelten, über einen kleinen Jungen, der sich an die Hand von Niall klammerte, sich lächelnd auf Bengali[4] mit ihm unterhielt und ihn bis zur nächsten Straßenecke begleitete.

Der Kleine war ein Bild von einem Kind. Sein Lächeln, sein schönes Gesicht, seine Zartheit, seine Hautfarbe, er würde eines Tages, in welchen Kleidern er auch steckte, schön sein. Wie die meisten hier. Er fragte Niall etwas, wendete sich ihm vertrauensvoll zu… 

Der Ire gab ihm nichts.

Ich auch nicht.

Ein schwarzer Kinderblick, eine kleine braune Hand in einer weißen.

Nach diesem Kurztripp warfen wir armen Europäer uns unisono in unsere Kojen, vom feuchtheißen Klima absolut erledigt. Am frühen Abend klopfte es bei mir und Niall, der den Kleinen an der Hand geführt hatte, lud mich ein, zum Essen mitzukommen.

Diesmal waren die Iren zu dritt, einer blasser als der andere, einer schockierter als der andere. Wir setzten uns in der Nobelstraße (Parkstreet) in ein Hotelrestaurant – wahrscheinlich eines der teuersten in dieser Stadt - und klagten uns unser Leid.

Zwei der drei Jungs bekräftigten, dass sie es sich nicht so schlimm vorgestellt hatten. Das Klima, die Armut, der Dreck. Ich bekräftigte, dass ich es mir aufgrund von TV-Dokumentationen genau so vor­gestellt hatte und jetzt "nur" mit der Realität auskommen musste. Einig waren wir uns aber darin, dass das, was wir gerade taten, genau das war, was wir jetzt brauchten: in einem vollklimatisierten Raum auf sauberen Stühlen sitzen, auf sauberem Geschirr "save food" essen und auf einem großen Flachbildschirmfernseher MTV gucken. Ja, MTV Asia, in einem Nobelrestaurant.

Wir genossen es, für zwei Stunden dem dunklen und stinkenden Calcutta zu entfliehen.

Ein Stückchen Wahnsinn, was wir für das wahre Leben hielten, im Zentrum der Armut.

Gleichzeitig verglichen wir die jeweiligen Sicherheitshinweise, die jeder erhalten hatte. Nie, nie Leitungswasser trinken, am besten gar nicht in den Mund nehmen, das war das Wichtigste. Es hieß, man solle auch beim Zähneputzen das gekaufte Mineralwasser benutzen, was wiederum hieß, immer für genügend vorrätige Flaschen zu sorgen…

Wegen des schlechten Wassers aus der Leitung war es auch strengstens untersagt, in Restaurants Salate zu essen, da diese mit jenem Wasser gewaschen werden, auch in den feinsten Etablissements.

Nur in Privathäusern, wo man sozusagen eigenäugig Filteranlagen gesehen hatte, konnte man das Wasser trinken.

Die zweite Regel in Calcutta war:

Gib nie einem Bettler Geld. Diese Regel hatten wir auch schon befolgt, schmerzvoll. Warum, dafür lieferten verschiedene Reiseführer verschiedene Gründe. Es gab diese Geschichte von Organisationen, die Kinder verstümmeln und sie auf die Straße schicken … einige taten die als Legende ab. Man könnte auch, gäbe man einem Bettler Geld, von einer Horde von Menschen verfolgt werden. Plausibel, warum man Bettlern kein Geld geben sollte, klang für mich am ehesten, dass ich als Tourist nicht unterscheiden könnte, ob es sich um Bettler handelt, die sich auf Touristen spezialisiert haben oder ob es "richtige" Bettler seien.

Ich für mich hoffte an diesem Punkt der Diskussion, vielleicht nach vier, fünf Wochen dazu doch in der Lage zu sein.

Ein Absatz aus einer indischen Informationssammlung, die mir meine Organisation mitgegeben hatte, beeindruckt mich noch heute:

"BETTELN: Es gibt viele Wege, mit dem Betteln umzugehen, und letztendlich ist es die persönliche Sache von jedem selbst. Das erste, was zu tun ist, ist aufzuhören, es OK zu finden. Denke über das Betteln, was du willst, glaube die Geschichten über die Bettelmafia, wenn es dir hilft, gib Unmengen Geld weg, wenn du meinst – es ist wirklich dein Ding. Es wird bei dir nachlassen, wenn du ein Weilchen da warst. Es wird woanders in der Stadt weitergehen. Aber denke nie, dass es in Ordnung ist! Der Lebensstandard in deinem Land basiert darauf, dass der größte Teil der Welt so lebt, Betteln ist unser Fehler, den wir durch unsere Regierung begehen oder durch die Ideologien, die wir entweder aktiv oder in den meisten Fällen durch Ignoranz unterstützen."

Nach dem Essen, zurück im Hotel, lieh mir Niall freundlicherweise so einen Anti-Mücken-Stecker für die Steckdose, da ich noch kein Moskitonetz hatte. Weil ich diesen Teilen nicht unbedingt vertraue, verbrachte ich eine heiße, sehr unruhige Nacht, wachte auf, sobald es mich irgendwo zwickte. Schließlich bedürfte es theoretisch nur eines Mückenstichs, um Malaria zu bekommen - auch wenn die Wahrscheinlichkeit in Indien nicht so groß ist wie in anderen Ländern.

Übrigens, im Restaurant hatte ich bei Indrani angerufen. Eine Frauenstimme hatte sich gemeldet und auf meine Frage "I'm looking for Indrani" bekam ich die Antwort "Yeah, that's me!". Ok, flexibles Umdenken… er ist weiblich.

Indrani

Am nächsten Morgen kam sie um 10 Uhr in mein Hotel und nahm mich einfach mit. Ich sollte erst mal bei ihr wohnen, sie würde sich um einen Praktikumsplatz kümmern. Sie war ziemlich bestimmend, mit T-Shirt und Jeans (beide Kleidungsstücke lang geschnitten) ziemlich westlich angezogen und nebenbei sehr hübsch. Kleiner als ich, nicht zu dünn.

Nun an ihrer Seite durch die Straßen zu gehen, war für mich wie eine plötzliche Legitimation, seht her, ich bin keine Fremde, bin Gast von Euresgleichen. Auf einmal war es lässig, den Passanten und Bettlern auszuweichen, hey, ihr seid nichts Neues für mich, wisst Ihr, ich werde Euch genau kennenlernen…

Eine halbe Stunde warteten wir in der Mittagshitze und bei strahlender Sonne auf den Bus. Ja, das Abenteuer Bus, daran sollte ich mich schonmal gewöhnen. Wir standen einfach an dieser Straße, ohne Bushalteschild, und Indrani winkte ganz einfach, als der richtige orange Bus kam. Warum er nun „der richtige“ war, konnte ich nicht erkennen, da ich keines der Zeichen an ihm entziffern konnte... alles in Bengali-Schrift... In der offenen Tür stand ein Mann, der nach innen ein Zeichen gab, der Bus hielt. Kaum hatten Indrani und ich uns mitsamt dem schweren Rucksack den halben Meter hoch in den Bus gezogen, ging es los. Es wackelte und holperte, schlimmer noch als im gestrigen Taxi. Wir ließen uns in eine freie Sitzbank plumpsen. Die Rückenlehnen der schwarzen, lederbezogenen Sitzbänke waren so hoch, dass wir fast nicht darüberweg sehen konnten. Also guckte ich seitlich zum Fenster hinaus.

Wieder wunderte ich mich, wie viele Menschen auf 5 qm Straßen­rand Platz hatten, beispielsweise an einem kleinen Verkaufsstand. Ich meine damit nur diejenigen, die dort dazugehörten und einfach "abhingen", nicht die Kunden.

Die Fahrt dauerte bestimmt eine halbe Stunde, während der ich aufgrund der Hitze wie eine Tomate angelaufen sein muss, weil Indrani ständig fragte, ob alles ok sei. Vielleicht war es mehr die Buntheit und der Anblick des rasenden Verkehrs, der Obstberge und Menschen in der Sonne, der mich schwitzen ließ. Eine weitere Beobachtung machte ich über Polizisten, die ich bisher nur in Form von Verkehrspolizisten gesehen hatte, dafür aber ziemlich oft… ihre Uniform war vollständig weiß, sogar der Helm, weshalb die Aufmachung stark von der Hautfarbe der Polizisten abstach. Der Schnitt der Kostüme sowie die Helme - Safarihelme ?? - erinnerten mich an den British-Colony-Style von alten englischen Sirs, wie ich ihn aus Büchern und Filmen über die Koloniezeit kannte…

Schließlich standen wir vor Indranis Haus, gelegen in einer "Residential Area"[5] in Salt Lake City[6]. Entfernt sah ich mich hier an eine europäische Wohngegend erinnert. Alleinstehende Häuser mit Vorgärten, weniger bzw. fast kein Verkehr und fast keine Menschen auf den Straßen. Wow! Von außen sah das Haus aus, wie alle anderen hier: die Farbe der Mauern variierte von oben bis unten in drei ähnlichen Tönen, hauptsächlich gelb, und insgesamt schien es vom Zustand der Mauern und Fensterlackierung her betrachtet "älter" zu sein.

Indrani klingelte, ein etwa 15 jähriges Mädchen machte uns auf, dessen Name ich mir nicht merken konnte, und das nur lächelte, aber nichts sagte. Aus einer anderen Tür guckte eine Frau zu uns heraus, lächelte auch, wir gingen in den ersten Stock. Schön, groß, hell, meine Güte, so viel Platz! Indrani hatte zwei große Zimmer, in einem stand ein riesiges Doppelbett, im anderen der Computer und ein paar Bücher. Ein dritter Raum - nur zwei Couches, auch groß - verband ihre Zimmer mit dem der Eltern. So lebte also die indische Upper Class[7]. Indranis Vater, ein Biochemiker, stellte sich vor, wir smalltalkten etwas, dann gab es Lunch. Indrani hatte schon im Bus versprochen "I'll cook for you"[8]. Ich war gespannt. Wir würden zu zweit essen… doch wir marschierten nicht in die Küche, sondern setzten uns sofort an den Esstisch im Erdgeschoss.

Indrani deckte mir Teller und Besteck auf, sich selbst stellte sie nur einen Teller hin. Am Kopfende des Tisches standen etwa fünf größere und kleinere zugedeckte Schüsseln aus Metall… das Mädchen, das die Tür geöffnet hatte, ich nenne sie einfach Dalhi, kam aus der Küche, deckte die Schüsseln auf – welche auf wundersame Weise alle schon gefüllt waren – und gab uns, was wir wollten. Reis mit den verschiedensten Gemüsezutaten.

Das Essen

Ich kapierte plötzlich, dass es hier Sitte war, mit den Händen zu essen. Hatte ich wohl im Reiseführer überlesen. Ich fragte Indrani, ob ich das auch probieren könnte. Sie gab mir Anweisungen, machte es mir vor und korrigierte mich. Es gab Reis, ein undefinierbares, dunkles Gemüse („Okra“), kleine überbackene Fisch-Teilchen und eine Art Soße, die eher wie Suppe aussah. Dieses „Dal“ verteilten wir mit einem Löffel auf dem Reis, vermischten beides gut, so dass der Reis praktisch ungreifbar war, machten trotzdem Kügelchen aus dem Reis und „flippten“ diese in unsere Münder, indem wir die langen Finger der rechten Hand als „Schaufel“ benutzten und den Daumen als Flipper. Bisher hatte ich mir ja etwas auf meine Fingerfertigkeit eingebildet, aber bei dieser qualvollen Prozedur versagte mir die Motorik beinahe bis zum Ende des Mahls. Ok, ich habe auf diese Weise aufgegessen, es braucht mich bloß keiner fragen, wie lange es gedauert hat. Ich wusste bisher tatsächlich nicht, dass es neben der Essweise mit Stäbchen noch eine schwierigere gibt, obwohl sie am nahesten an der Nahrung dran ist: die mit den eigenen Händen! Übrigens stand Dalhi - sie stand! - während des gesamten Essens am Tischende vor den Töpfen und gab uns Essen nach, sobald Indrani auf Bengali mit ihr sprach.

Langsam dämmerte es mir, Dalhi war so etwas wie eine Köchin, eine Angestellte, keine Verwandte. Sie hatte mich bei meinen Essversuchen zuerst erstaunt, dann mitleidig angesehen und, natürlich, gelächelt.

Am Nachmittag unternahmen wir außer Schlafen und Lesen nichts, am Abend durfte ich meine E-Mails checken und neue schreiben, während Indrani, aufgrund der langen Ladezeiten des Netzes, mir immer auf der Tastatur dazwischenlangte und chattete. Zur Dinnerzeit, gegen 21 Uhr, lernte ich die Frau des Hauses kennen, Indranis Mutter. Sie war noch kleiner als ihre Tochter, ging mir also bis zur Schulter, und noch schöner. Wirklich selten habe ich so feine, geradezu edle Gesichtszüge gesehen.

Sie trug eine modische Kurzhaarfrisur, die Haare pechschwarz, zusammen mit einem orangen Sari, den gewöhnlich nur verheiratete Frauen trugen. Das Orange auf der dunklen Haut so umwerfend aus.

Wie Du vielleicht gemerkt hast, macht es mir Spaß, die hiesigen Frauen zu beschreiben, während ich die Männer eher stiefmütterlich behandele. Das liegt einfach daran, dass mich die Kombination von diesen häufig hübschen Gesichtern und der traditionellen Kleidung, welche das Außerordentliche der Frauen nicht besser hervorheben könnte, fasziniert.

Die Männer dagegen sind meistens westlich gekleidet - Jeans und Hemd oder T-Shirt, außerdem kann man bei ihnen nicht ständig von schönen Gesichtern sprechen…

Nun, wir aßen und sahen danach Fern, lustigerweise kam genau die gleiche Geldschleuder-Sendung, wie es sie in Deutschland (die mit Günther Jauch) vielleicht seit einem halben Jahr gab, nur auf Hindi bzw. Englisch. Indranis ganze Familie riet mit. Inzwischen waren mir auch die kränkelnde Großmutter, der Opa und Onkel, sowie die ständig im Haus lebende Krankenschwester der Oma vorgestellt worden.

Um 22.00 Uhr kletterten Indrani und ich unter das riesige Mosquitonetz, das wir über Indranis Doppelbett aufgespannt hatten. Es widersprach irgendwie meinen Vorstellungen von einem Mosquitonetz – es war nicht pyramidenmäßig an einem Punkt an der Zimmerdecke festgemacht, sondern es sah aus wie ein dreidi­mensionaler Quader, da es auf Augenhöhe an vier Enden in den Ecken des Zimmers an speziellen Haken in der Wand angebunden wurde. Unter dem Netz zu liegen war toll. Ich fühlte mich sicher vor Allem, sogar ein bisschen geborgen.

Am nächsten Morgen war Indrani krank, Durchfall und Erbrechen – war das als Indienreisende nicht mein Job? – weswegen ich wieder nicht rauskommen sollte. Ich las im Couchraum, Storm: Der Schimmelreiter. Nicht stillos, oder?

Dalhi machte mein Bett, faltete das Moskitonetz zusammen, öffnete die Fenster, brachte mir ein Sandwich als Breakfast nach oben. Ich musste grinsen: neben dem Sandwich lag ein großer Löffel...

Natürlich, sie hatte mich völlig hilflos mit den Händen essen sehen – wie konnte sie wissen, dass es doch Dinge gab, die ich ohne Probleme mit der Hand aß?

Während ich den Vormittag über auf der Couch saß, kam eine alte, ärmlich gekleidete Frau mit verhärmtem Gesicht und einer ... Rute? Besen? Binsenstrauch? ... herein, ging in die Hocke und begann, den großen Raum auszufegen. Sie sprach kein Wort, schaute mich teilnahmslos an, ich hob die Beine, als sie mit dem “Besen” zu meiner Couch kam.

Am wiederum nächsten Morgen lächelte sie und sagte etwas auf Bengali zu mir, hatte sie vielleicht von meinen lustigen Ess­versuchen gehört?

In den Nächten jeweils um etwa Mitternacht wurde ich übrigens immer von einem Verrückten aufgeweckt, der durch die Straßen ging und in eine Trillerpfeife blies, was alle Straßenhunde der Umgebung dazu veranlasste, ihn gehörig auszubellen... bei der Masse an Hunden ein ganz schön lästiges Bellkonzert! Ich fragte Indrani nach diesem Menschen, der “just like crazy”[9] nachts durch die Straßen zieht und die Leute aufweckt. Sie lachte und erklärte, das sei der Nachtwächter des Stadtviertels. Er pfeife, damit alle wüssten, dass er da ist und dass alles in Ordnung ist. Solche Nacht­wächter gäbe es natürlich nur in bewachten Vierteln wie diesem, nicht in der restlichen Stadt.

Was mir noch Besonderes zu meinem Aufenthalt in Indranis Familie einfällt – außer einigen sehr interessanten Gesprächen mit der Mutter und ihrer freundlichen Einweisung in die hiesige Gemüse­vielfalt auf einem Markt – ist, dass es in der Toilette kein Toiletten­papier gab. Da ich so supertoll vorbereitet war, wusste ich (zufällig), dass man sich hier mit Wasser und der linken Hand reinigt, weshalb


die linke Hand auch als unrein gilt und z.B. beim Essen NIE benutzt wird.

Für alle, die es brennend interessiert – während der 3 ½ Tage dort musste ich, thankfully, nicht groß auf die Toilette... beim Umzug in das “Traineeshiphouse”[10] war Papier allerdings meine erste Erledigung...

Mein Zuhause

Genau, nach dreieinhalb Tagen des Eingeschlossenseins (“You could get lost”[11]) wurde ich von Indrani in einem Haus im Süden des Zentrums untergebracht. Ein älteres Ehepaar wohnte im ersten Stock, kinderlos, zwei Bedienstete. Das Erdgeschoss hatten sie für solche Traineeship-Fälle wie mich “hergerichtet”, d.h. es gab drei große leere Schlafräume mit jeweils zwei Betten und einem Schrank, bei meinem Zimmer war sogar ein eigenes Bad dabei. Ein Esstisch und zwei Stühle standen in einem riesigen „Gemeinschafts­raum“. Eine Küche gab es auch, beim Eintreten stank es ... nach Moder? alten Mauern? faulem Wasser?

Übrigens sollte ich in diesem Territorium völlig alleine wohnen, da zur Zeit keine anderen „Trainees“ angekündigt waren. Normaler­weise seien hier sechs Leute untergebracht, erzählte Indrani. Nachdem sie mich beim Hausherren vorgestellt hatte, ließ sie mich allein. Es gab keinen Fernseher und kein Radiogerät. Nur meinen Walkman, einen Block Umweltpapier und kleine Reclam-Büchlein, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte.

Der Hausherr, Mr. Sarkar, war ein sehr netter, intelligenter, immer noch schöner Mann. Er wirkte etwas gebrochen, traurig, hatte wohl nicht mehr viel zu sagen. Wahrscheinlich hing das mit seiner schweren Arthritis zusammen, er konnte sich nur sehr schlecht bewegen und kaum gehen, arbeitete deshalb auch nicht mehr. Seine Frau verdiente als Lehrerin das Geld, ich würde sie abends kennen­lernen.

Nachmittags kamen zwei Mädchen von AIESEC in schicken Salvars[12], die Tücher mochte ich am meisten an diesem Outfit, und zeigten mir die wichtigsten Dinge in der Umgebung meines Hauses. Wo ich Brot, Früchte, etc. kaufen konnte, wo das Post Office, ein Pizzaservice, eine Telefonmöglichkeit und – wichtig – ein Internet­cafe waren. Während des Spaziergangs fing es plötzlich derart an, aus den Wolken zu schütten, dass wir sehr schnell bis auf die Haut durchnässt waren. Also gingen wir jeweils, ohne einzukaufen, nach Hause. Nach einer Trocknungsaktion (in einem der anderen Zimmer eine Paketschnur spannen, für die nassen Sachen) und Klamotten­wechsel, ging ich dann alleine einkaufen.

Wenn mich die Leute nicht verstanden, bildete sich so lange ein Menschenauflauf, bis jemand kam, der englisch sprach und mir auf englisch den Rupee-Preis nannte. Wenn es nur so ein gebrochenes Stottern war, war ich nie ganz sicher, ob die ins Englische übersetzte Zahl auch stimmte... trotzdem, bis ich handelte, würde es wohl noch einige Zeit dauern...

Dazwischen wieder ein Regenguss, ich stellte mich wo unter. Mir dämmerte, warum die Häuser hier von außen immer so verwaschen aussahen und dann meistens doch nicht älter als 30 Jahre waren (wie ich inzwischen erfahren hatte)... drei Monate im Jahr mehrmals täglich DIESE Duschen...

Sobald der Himmel so aussah, als ob es gleich regnen würde, änderte sich die Gangart der Calcutter – wo Muttis vorher watschelten, die Plastiktüte am linken Zeigefinger, die Hand­täschchen über der rechten Schulter, wuselte es auf einmal vor gezückten Regenschirmen und sich beeilenden Menschen...

Eilig – noch nicht das, was ich als „schnell“ bezeichnen würde, bei weitem nicht, auch jetzt hatte man noch genug Zeit, um nicht zu Joggen...

Am Abend dieses Tages lernte ich noch Mrs. Sarkar kennen, schrieb ein wenig an diesem Bericht und richtete mich ein. Dazu gehörte vor allem, sämtliche Ablageflächen gründlich vom Dreck zu befreien. Als es dunkel war, machte ich dann die angenehme Bekanntschaft meiner Mitbewohner: DER Kakerlaken. Gerechnet hatte ich ja mit ihnen, doch dass sie SO groß sein würden und gleichzeitig im Pulk unter einer Türspalte hervor von außen in die Küche hereinkrabbeln würden... das hatte ich nicht erwartet. Mit verschiedenen Techniken versuchte ich krampfhaft, sie als gar nicht so schlimm einzustufen. Ich stand im Türrahmen und betrachtete die fünf Rieseninsekten auf dem Boden und analysierte im Kopf: „jetzt stehe also ich in einer Küche, in der sich schwarze Kakerlaken wohlfühlen. Sie sind 7 cm lang, hochbeinig und fettleibig, genauso wie diverse Disneyfiguren im Film ´Das große Krabbeln´... Plötzlich kamen zwei von ihnen auf mich zugekrabbelt, ihre langen Fühler ausgestreckt. Weg war die Coolness, wie konnte ich sie stoppen? Ich stampfte mehrmals fest auf den Boden – bei jedem Stampfer hüpften alle fünf Viecher aufgrund der starken Schwingungen kurz merklich in die Höhe und begaben sich dann gemächlich zum Türspalt zurück. Daraufhin habe ich mir geschworen, die Küche nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr zu betreten...

Das Erste Wochenende

 

Am Wochenende habe ich viel gelesen, mich mit den Sarkars unterhalten und am Sonntag eine Sight-Seeing-Tour auf eigene Faust unternommen. Bin mit dem Bus zum Victoria Memorial (früher: britischer Regierungssitz in Indien) gefahren. Weil ich so unsicher und verloren wirkte, sprach mich gleich ein junger Inder-Student an, Ritesh, der auch als Tourist hier war. Kurzerhand sahen wir uns das Memorial und später die St.Paul´s Cathedral gemeinsam an, da er ganz nett war.

Oh, bevor ich es vergesse, am Samstag war mein 23. Geburtstag gewesen. Ich hatte ihn sogar feiern können, denn nachmittags hatte mich Indrani zu einem AIESEC-Treffen eingeladen. 40 Leute! Auf einem Doppelbett versammelt. In einer Luxuswohnung, zu der ich per Taxi gekommen war. Echt edel die Klitsche! Teuere Teppiche, Porzellan in Glasschränken, samtbezogene Wohnzimmermöbel...

Nun gut, die Leute diskutierten erst mal eine halbe Stunde AIESEC-interne Sachen durch, wobei ich nicht viel verstand, da ich mit dem schnellen Indisch-Englisch einfach nicht klar kam... erst recht nicht, wenn die Sprecher noch dazu lispelten... irgendwann jedenfalls sangen sie mir ein spezial-Geburtstagslied und Indrani schnitt einen Kuchen an. Das war echt süß. Was mich eh faszinierte, war die Lustigkeit und Energie der Versammlung, so was in der Art hatte ich zum letzten Mal mit 16 in der 10. Klasse erlebt – doch die Burschis hier waren, wie ich, zwischen 19 und 24 Jahre alt. Interessant fand ich auch, dass die Mädchen zu zwei Dritteln westliche Klamotten anhatten, will heißen Levis Jeans und weite lange T-shirts, während nur etwa ein Drittel die für Mädchen schicklichen Salvars trug. Diese Häufung von (pseudo-) westlicher Mode sollte ich später nur am College oder auf AIESEC-Versammlungen vorfinden.

Nach der Versammlung fuhren wir alle auf wenige Autos verteilt in ein Restaurant. Die Autos (alle kleine Japaner) gehörten den jeweiligen Eltern, die Sitze waren mit weißen Stoffen bezogen, um die Originalbezüge vor Dreck zu schützen... in „meinem“ Auto wurde Techno eingelegt (Techno... ich stehe ja normal nicht so darauf, aber dieser hier war echt gut). Der halbstarke Fahrer fuhr los und jagte noch wilder durch die Straßen als die Taxifahrer! Vielleicht, weil er ein Auto mit mehr PS und Geschwindigkeit – und keines jenseits der 40 Jahre – hatte? Doch bei einer Beinahe-Kollission mit einem der gelben Vorzeit-Taxis schrie er empört „Man! They don´t know any rules!!!“ [13]

Anscheinend gab es die Regeln nur für die taxifahrende Unterschicht…

Im Restaurant wurde nur Cola getrunken und etwas Pizza gegessen, denn um 18.00 Uhr begannen sich die ersten Mädchen zu verab­schieden. Darunter auch Faizah, die bei mir in der Nähe wohnte und mit der ich mir das Taxi teilen konnte. Als wir um 18.45 Uhr noch in einem Stau standen, guckte sie immer öfter nervös auf die Uhr – sie sollte doch um 19.00 Uhr zu Hause sein. Na servus! Das war dann noch ein schöner, einsamer Geburtstagsabend. Nein halt, die Kakerlaken in der Küche waren ja da.

Anfang Woche 2

Erster Arbeitstag

Am Montag um 15.00 Uhr klingelte Vaebhav bei mir, der zwar Samstag Nachmittag nicht dabei gewesen war, aber ab jetzt als mein Betreuer fungierte. Nett. Schlagfertig und gemütlich gleichzeitig, etwas dicklich, aber schöne schwarze Haare. Wie alle halt. Auch war er, wie alle männlichen AIESECer, immer edel in dunkle Levis und geschmackvolle, nicht immer spießige Hemden gekleidet.

Und, unglaublich aber wahr, der Schnauzer stand hier hoch im Kurs! Z.B. Arvind, am Samstag kennengelernt, trug einen.

Aber zurück zu Vaebhav. Er sollte mich nun heute zu meiner Arbeitsstelle begleiten. Ganz authentisch war er ohne eigenes Auto gekommen, damit er mir das Busfahren und vor allem die richtigen Haltestellen zeigen konnte.

Darüber war ich echt dankbar – es wäre auch ohne ihn gegangen, aber mit der Betreuung fühlt man sich einfach sicherer. Im Bus war es voller, viel voller als am Sonntag, und ich sah mich schon im Geiste den fremden männlichen Indern ausgesetzt, wenn ich in den nächsten Wochen allein fahren würde. Um 16.00 Uhr (! Man beachte die Dauer der Busfahrt, etwa 45 Minuten) kamen wir an der Loreto Day School an.

Hier arbeitete ich nun für insgesamt sieben Wochen und half bei dem Projekt „Rainbow Children“[14] mit. Dieses Projekt existiert neben den normalen Schulklassen und beinhaltet, Straßenkinder zu unterrichten. Mehr noch, etwa 40 der ca. 150 Straßenkinder haben in diesem Gebäude eine Art neues Zuhause gefunden – sie sehen ihre Eltern nur noch selten, wenn überhaupt.

Die anderen Kinder sind eine recht unstete Masse, mal erscheinen sie zum Unterricht, mal nicht, mal toben völlig neue Gesichter mit herum, die man nie wiedersieht. Das Alter der Rainbow Children variiert von 3 bis etwa 16 Jahren, fast jedes hat deshalb ein anderes Lern- und Sprachniveau. Es kann gut sein, dass ein siebenjähriges Kind einem vier Jahre älteren Kind in Englisch und Mathe schon weit voraus ist.

Eine große, metallene Pforte wurde von einem älteren Inder „bewacht“, der mir gleich am ersten Tag ein lautes „Hello, Sister“ entgegenrief und mich hereinwinkte. Mehrere Frauen in Saris saßen im Eingangsbereich herum und schauten mich an. Kinder, unzählige Kinder in weiß-blauen Uniformen rannten herum: die „regular students“[15], insgesamt besuchten ca 1200 von ihnen diese Schule. Sie warteten im Moment auf ihre Eltern, während ich im hinteren Teil des großen Hofes einige kleine Kinder rasen sah, die mehr oder weniger schmutzige Hemdchen anhatten... meine Opfer?

Zuerst einmal begaben wir uns in das Büro, um von der Chefin, der irischen Nonne Sister Cyril, erste Anweisungen zu erhalten. Sie allerdings war zu beschäftigt, um sich mit mir zu befassen, weshalb mich die zweite Chefin mit den Worten „Just get them together, they will tell you what they want to do“[16] abspeiste. Gut, zuerst verabschiedete ich mich demonstrativ von Vaebhav, wollte einfach loslegen.

Ich liebe klare Ansagen. Also wanderte ich über den Hof, sprach mehrere der kleinen Kinder an, die mich alle nicht verstanden. Endlich kam ein etwa 10jähriges Mädchen vorbei, Rheka, die für mich etwa vier 6-8jährige Mädchen zusammen­trommelte. Wir gingen wieder in den hinteren Teil des Hofes, wo sich eine Art überdachte Halle mit mehreren kleinen Schulbänken befand. Die Mädchen liefen und holten ihre Schultaschen – alte, abgewetzte Rucksäcke oder Jutetaschen. Sie beschlossen auf Bengali, dass sie heute keine Hausaufgaben zu machen hätten und teilten mir in gebrochenem Englisch mit, dass sie die indische Flagge basteln wollten.

Voll ausgerüstet mit weißem Papier, farbigem Tonpapier, Schere und Kleber begannen sie fleißig ihr Werk... und bald hatten sich etwa zehn weitere, kleinere Kinder dazugesellt und bastelten ebenfalls. Wir unterhielten uns über wichtige Dinge, wie z.B. wo ich herkomme, was „my mother´s name“[17] und „my father´s name“ ist, und ab und zu zählte mir eines der Kleineren auf englisch die Zahlen von 1 bis 20 auf. Erst später sollte mir klar werden, dass ich hier die Mädchen der Klassen 1-3 vor mir hatte, die vormittags am regulären Unterricht von Loreto teilnahmen und abends, da sie ja hier lebten und nicht nach Hause gingen, Hausaufgaben machten.

Sister Cyril hatte mir vor drei Tagen, als ich mit Indrani kurz zur Observation vorbeigeschaut hatte, erklärt, dass das mit den Haus­aufgaben nicht so streng ist – wenn die Kinder keine Lust haben, bringt es nichts, sie zu zwingen.

„Just BE with them, even if you don´t teach them, they acknowledge you for being around and being an adult that respects them, since many of them don´t have parents or don´t see them very often”[18].

So plätscherten meine ersten zwei Stunden dahin, bis… eine Horde weißer Männer durch die Pforte quoll. Surprise Surprise: meine sieben Iren!

Wer hätte gedacht, dass ich sie wieder sehen würde? Eines der Kinder entdeckte sie und schrie „The Sirs, the Sirs!“, woraufhin fast alle von den Bänken aufsprangen, ihnen entgegenrannten und, ähnlich jungen Hunden, an ihnen hochsprangen und an ihren Armen zerrten. Ein gebürtiger Empfang!

Im Lauf des Abends, immer, wenn ich mal zu einem der heiß be­gehrten „Sirs“ durchdrang, bekam ich heraus, dass sie schon die ganze letzte Woche hier (und morgens noch bei Mutter Theresa!) gearbeitet hatten – während ich bei Indrani im goldenen Käfig gesessen hatte...

Da meine Tätigkeit als Flaggen-Begutachter nicht wirklich anstrengend war, konnte ich etwas herumgehen und beobachten. Die „Sirs“ hatten sich augenscheinlich schon als Homework-Teacher etabliert, denn plötzlich waren da einige ältere Mädchen [Jungen, die die Schule besuchten, gab es nur zwei], die Schulbücher und Hefte gezückt hatten und sich im Einzelunterricht in Englisch oder Mathe helfen ließen. Sie sprachen ein annehmbares Englisch, man konnte durchaus ins Detail gehen, Klasse 4 – 7. Nett anzusehen war der Ernst auf den Gesichtern der Mädchen, mit dem sie ihre Auf­gaben bearbeiteten, gemischt mit bewunderungsvollen Blicken, mit denen sie zu ihren „Sirs“ aufschauten.

Neben der überdachten Halle im Schulhof war für die Rainbow-Kinder im vierten Stock des Schulgebäudes noch ein recht großer Raum vorgesehen, in dem sie tagsüber, während die „regular students“ in Klassenzimmern saßen, von Sozialarbeitern beschäftigt wurden. Die Sozialarbeiter waren ein Mann, der mit ihnen Bilder malen übte, Sister Mary, eine ehemalige Nonne, die sozusagen Tag und Nacht für die Rainbows verantwortlich und verfügbar war, sowie Theresa, die Chefin der Rainbows, eine lustige Mitt­vierzigerin.

Abends und Nachts wurde der Raum im vierten Stock von der „Spielwiese“ zum Schlafzimmer umfunktioniert. Das ging ganz einfach: Jeder holte aus einer Ecke seine Matte, rollte sie aus, holte noch eine Decke, oder auch nicht, wenn es eh zu warm war, und legte sich zum Schlafen auf den Boden.

5 Tage später

Ich habe eingekauft, gewaschen und Reis gekocht, jetzt bin ich auf dem Weg zur Arbeit, es ist 15.00 Uhr. Vorbei an den wegen der Mittagspause[19] geschlossenen Läden marschiere ich auf die Bus­haltestelle zu. Ein etwa achtminütiger Fußmarsch. Auf Bastmatten auf der Straße liegen schlafende Männer, oder sie hängen wie tot in ihren Rikshaws, oder ihre Füße baumeln aus den provisorischen Ladenöffnungen heraus. Neben ihnen oder etwas abseits liegen die Hunde, atmen schwer. Es ist sonnig, relativ ruhig. Ein dürrer Köter kommt mir entgegen, er ist immer in diesem Teil der Straße zu finden, die Gegend des Müllplatzes. Irgendwie sind ihm die meisten Haare ausgefallen. Bis ich in diese Stadt kam, konnte ich mir unter „räudig“ nicht viel vorstellen...

Die Bushaltestelle erkenne ich daran, wo die meisten Leute stehen und auf die Straße gucken. Bereits der zweite Bus, Nr. 234, ist meiner, Glück gehabt. Zur Sicherheit schreie ich „Sealdah ??“, warte auf das Kopfwackeln, das „Ja“ bedeutet. Ich ziehe mich an der Metallstange an der linken Seite der Busöffnung die drei Stufen hoch, kein Platz frei, ein Mann steht von der ersten Sitzbank auf, damit ich auf dem „Ladies Seat“ Platz nehmen kann. Ich zahle lässig die schon vorher abgezählten 3 Rp, als der Bus-Türsteher/-schreier/-kartenverkäufer auf mich zukommt. Wir stehen im Stau, kein Lüftchen kommt zu den Fenstern herein. Wie immer laufen die Rinnsäle aus Schweiß von meinem Hals zum Bauch hinunter, mein nasses Gesicht tupfe ich, wie alle, mit einem Seidentuch ab. Es hilft nicht viel, eine Minute später spüre ich wieder Wasser auf Oberlippe und Wangen... Ein paar neue Leute erklimmen den Bus, bald ist auch jeder Stehplatz besetzt, wir warten. Die Frau im orangen Sari neben mir schaut aus dem Fenster, ich folge ihrem Blick. Auf einem kaum 3 Meter breiten Erdstreifen, der unsere Fahrbahn von der Gegenfahrbahn trennt, sitzen oder liegen 3 Frauen und 2,4,6, sieben kleine Kinder. Ein junger Mann kommt dazu und legt sich auf eine der Matten, will schlafen, doch schon sitzen zwei der Jungen auf seinem Rücken, reiten auf ihm, er dreht sich um, schiebt sie lächelnd weg, sie kommen wieder, er kämpft spielerisch mit ihnen, dann steht eine der Frauen auf, geht weg und alle Kinder rennen ihr hinterher. Der Mann legt sich wieder hin. Auf die braune Matte auf der brau­nen Erde ohne Gras, inmitten der Autos.

Es rumpelt, unser Bus macht einen Satz, jeder Insasse nickt kurz nach vorne, die Stehenden schwanken, krallen sich fester an die Haltegriffe oder ihren Nachbarn, es geht weiter.

Einige schwarze Wolken, Abgase, wallen herein, ich glaube, wie ein Schornsteinfeger auszusehen. Das Schild des „Silk Museum“ (Museum für Seide) leuchtet mir entgegen, daneben mehrere bunte Straßenläden. Männer haben wackelige Holzgestelle aufgebaut, auf denen sie ihre vor Farben schreienden Saris, Tops, Kinderblusen und Salvars verkaufen. Ich überlege, wie oft man diese Kleidungsstücke nach dem Einkauf waschen muss, bis der Staub der Straße aus ihnen verschwunden ist. Eine riesige Baustelle zwingt den Verkehr, wieder langsamer zu fließen. Brauner Staub weht mit einer kleinen Brise direkt von der noch nicht geteerten Straße zu den Busfenstern herein.

Ein alter Mann sitzt am Straßenrand an einer Wasserpumpe und wäscht sich den Kopf. Er hat nur einen Baumwoll-Lendenschurz an. Wie weiße Farbe fließt das Shampoo in Strömen seinen fast schwarzen Körper herab.

Eine alte Frau steigt ein und hat Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. Sie trägt einen alten, grauen Sari. Ich sitze zu weit weg, zu viele Leute dazwischen, sonst würde ich aufstehen und ihr den Platz freimachen. Wundere mich, warum die jungen Mädchen, die direkt vor der Oma sitzen, nicht aufstehen. Die Mädchen mit ihren Goldohrringen sehen zur Seite und bewegen sich nicht.

Um 15.45 Uhr erreicht mein Bus glorreich meine Arbeitsstelle. Die Gegend um den Eingang der Schule herum, nein, die ganze Straße A.J.Bose Road, gehört zu den belebtesten und buntesten Straßen, die ich bisher gesehen habe. Vielleicht lag es daran, dass sich ganz in der Nähe einer der zwei großen Bahnhöfe Calcuttas befindet, Sealdah. Sealdah...

Der schnurrend geschriehene Name klingt mir noch in den Ohren, als ich aus dem Bus hüpfe, einem Fahrrad, Motorrad und einem Rikshaw-Fahrer ausweiche und mich auf dem engen Gehweg zwischen den kleinen Läden in den linken Menschenstrom einordne, der mich zur „Loreto Day School“ führt.

E-Mail an meinen Freund (Auszug)

„die KInder nennen mich "Ant'i", was entfernt von "Aunty - Tante" abgeleitet ist... staendig erschallt das "antee" aus tausend kleinen muendern, vor allem, wenn man anfaengt, ein kind in irgend einer weise rumzuschleudern oder es zu kitzeln...
heute habe ich eines im zahlenschreiben geteacht und eines im spelling von words...  sie waren sehr fleissig. muss man sich mal vorstellen, die haben keine eltern, die sie zu den hausaufgaben zwingen, sondern kommen alleine
und sagen "come, teach me"[20], was heisst, dass man ihnen bei den hausaufgaben helfen soll.

morgen werde ich mit einer AIESECerin tolle klamotten einkaufen. hoffentlich akzeptieren die laeden die kreditkarten, denn bares habe ich nicht mehr so viel... die kreditkarten sind in dieser stadt naemlich nicht so verbreitet.“


Die Kinder

In den nächsten Tagen merkte ich, dass jedes der älteren Mädchen seinen speziellen „Sir“ oder auch „Brother“ hatte. Besonders ein Mädchen, Puja, schien sehr an David zu hängen, denn, kamen die Iren mal nicht pünktlich, fiel sie mir weinerlich in die Arme und klagte mit rauher Stimme: „My Brother is not coming?“[21] Dann musste ich sie trösten und bekräftigen, dass sie noch kommen.

Ziemlich bald war auch ich als Hilfe anerkannt... regelmäßig arbeitete ich mit einer erst- und einer Viertklässlerin, beide hießen Shennaz. Mit der Kleinen übte ich Zahlen von 1-100 oder Buch­staben schreiben, mit der Großen das Auswendiglernen schwieriger englischer Wörter anhand von Texten, sowie durchaus „anspruchs­volle“ Mathe-Aufgaben wie das Multiplizieren zweistelliger Zahlen.

Auch Sairatali, einer der beiden Jungen, die schon in die Schule gingen, kam oft zu mir. Er und die kleine Shennaz waren besonders nett – und nicht rabiat, wie einige der anderen. Es war rührend, wenn sie mich an der Hand nahmen, ihre Taschen in der anderen Hand und befahlen „Come, teach me!“ Dann wurde ich zu einer Bank geführt, die wir erst mal in die Mitte der „Halle“ rückten, um näher an den zwei Glühbirnen, sprich, dem Licht zu sein und über­haupt sehen zu können. Um 18.00 begann ja schon die Dämmerung, die Sonne ging um 18.15 Uhr unter!

Jeden Tag war es bald Ritual, dass ich zuerst mit den Kleineren die schnell gelernten Hand-Klatsch-Spiele spielte, dann mit mehr oder weniger allen Rackern herumtobte (soweit es mir bei der schwülen Hitze möglich war) und schließlich mit den älteren Hausaufgaben machte. Schnell hatte ich meine Lieblinge. Little Shennaz, Ashish, Sairatali, Safina, und jeden Tag wurden es mehr, jeden Tag schien ein älteres Kind bzw. eine Jugendliche mehr aufzutauchen, die langsam ihre Scheu verloren. Auch bekam ich langsam einen Über­blick, welche der 40-50 „ansässigen“ Regenbogenkinder Geschwister waren, welche abends um 22.00 Uhr von ihren Eltern abgeholt wurden, die Nacht in Wellblechhütten oder am Straßenrand verbrachten und um 7.00 wieder gebracht wurden, welche Halb- oder Vollwaisen waren und wer sich mochte oder nicht mochte.

Das Wort „naughty“[22] oder auch „bodmash“ auf Bengali schien das erste zu sein, das ich als Neuling, aber auch neu ankommende Kinder, zuerst lernten...

Ein Schimpf-, Namen- und Kosewort zugleich... naughty, wer seine Hausaufgaben nicht machen wollte, wer einen Sir oder mich zu lange kitzelte, wer sein schmeichelndes Lächeln zu Vorteilen benutzte und wer seinen Radiergummi nicht auslieh. Die Abende mit den Kindern waren ein ständiges Kommen und Gehen, Rennen und Stillsitzen, Geben und Nehmen, Schreien und Weinen, Lachen und Schimpfen, Toben und Grübeln.

Wenn eines von ihnen nicht gut drauf war, gab es dafür zwei andere, die es aufzumuntern versuchten. Zwei Mädchen waren jedoch immer traurig, immer scheu, ich konnte bis zum Schluss nicht herausfinden, warum. Zuerst nahm ich es persönlich, wenn ich die beiden fragte, ob sie Hausaufgaben aufhätten und einen traurigen Blick aus tiefdunklen Gesichtern, ein ruppiges „No“ und abge­wandte Schultern erntete. Doch bald ließ ich sie einfach allein, half ja nichts.

Steckbriefe

PUJA: 9 Jahre (w), braunroter Rock, grünes T-shirt

Stämmig, noch Babyspeck auf den Rippen, kräftig, lebendig, lebensfroh, negroide Züge, singt wunderschön, wegen Lausbefall kurzgeschorene Haarstummel am Kopf

KALI: 8 Jahre (w), rosa Kleid

Nach westlichem Geschmack topmodische Kurzhaarfrisur, ganz gunkelbraune Haut, klein, zerbrechlich, trotzdem flink, aufgeweckt, listig, macht gerne Schabernack bis hin zur Veräppelung (von anderen Kindern oder mir...), ist nie lange an einem Fleck

Little SHENNAZ: 5 Jahre (w), gelbes T-shirt, Boxershorts

Ruhig, lernt gerne und schnell, wirkt so vernünftig, ohrlange Haare, zu mir zuckersüß, anhänglich, ein Lächeln, für das man Mutter werden könnte, verteidigt ihre Brüder Burdu (3 J.) und Muhammad (10 J.) gegen jeden, kann zu anderen Kindern sehr rigoros/gemein sein

Ihr Bruder, MUHAMMAD: 10 Jahre, zu großes grünes T-shirt, Boxershort

Freundlich, groß, fast schlacksig, dürr, kriegt nie genug vom Toben bzw. hört nicht auf das Wort „na!“[23], vorstehendes Kinn, hat irgendeine Lernstörung, so dass er praktisch noch nichts gelernt hat und auch nicht die Schule besucht

SAIRATALI: 7 Jahre (m), rote Boxershorts, „weißes“ T-shirt

Mein Schnuckel, zierlich und klein, tobt und schmust gerne, ausgeglichen, hilfsbereit, ist auch zufrieden, wenn er auf meinem Schoß sitzen und „höheren“ Gesprächen zuhören darf

Busfahrt nach Hause

Normalerweise hört mein Arbeitstag zwischen 19.30 und 20.00 Uhr auf. Denn um diese Zeit liegen die Kleinsten schon schlafend am Boden, und wenn das Abendessen um acht Uhr eingenommen ist, begeben sich alle nach oben in den Rainbow-Raum, um bald darauf eingeschlafen zu sein.

Ich esse nicht mit zu Abend, da es sonst für meine Heimreise zu spät werden würde. Wenn ich nach vollendeter Hausaufgaben-Betreuung meinen Rucksack hole, bildet sich eine Traube von vier bis sechs Mädchen, welche mich über den Hof bis zum Tor begleiten und mich mit tausend „Táta! Táta!“[24] verabschieden und winken.

Dann geht es hinaus in die schon völlig dunkel gewordene Stadt, auf deren Straßen zum großen Teil nur die Autos für Licht sorgen, sofern deren Leuchten noch funktionieren und sie nicht als Blind­gänger über die Straßenlöcher hüpfen.

Zuerst steige ich die Treppen der Fußgängerbrücke hinauf, die recht nah an der Loreto-Pforte über die vielbefahrene A.J.Bose Road führt. Auf den Stufen sitzen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau, beide mit einem Plastikbecher vor sich, in dem einige Rupees liegen. Sie schauen nicht auf , als ich um sie herum aufsteige, doch ich spüre ihre Blicke auf meinen weißen Füßen, die in teuren Bata-Sandalen stecken.

Oben auf der Brücke bleibe ich kurz stehen und genieße die Ano­nymität, die ich hier, im dunklen Oben, habe. Hier sind nur verein­zelt Menschen, die wie ich am Geländer lehnen und für kurze Zeit hinunter auf die chaotische Autolichterkette blicken. Ich bin froh, noch nicht Teil der Kette zu sein, die sich im Schrittempo, hupend und schneidend fortbewegt.

Obwohl sich die Abgase hier genauso in meine Nase fressen, habe ich das Gefühl, auf der Brücke einmal am Tag tief durchatmen zu können, einmal im Geiste frische Luft schnappen zu können. Da es dunkel und etwas windig ist und ich an einem erhöhten Punkt stehe, kann ich mir sogar einbilden, dass eine kühle Brise mich frösteln lässt. Welch Erfrischung! Grinsend gehe ich weiter.

Mit jedem Schritt in Richtung der anderen Straßenseite holen mich jedoch der Gestank und die Hitze wieder ein.

Drüben finde ich mich zwischen finster blickenden Männern und Frauen wieder. Sie sehen alle müde aus, sind genauso erschöpft wie ich, wissen auch, was sie noch erwartet. Alle sehen dem letzten Bus mit der falschen Nummer nach. Nur noch ein rotes Rücklicht funktioniert, neben dem verrusten Nummernschild steht „India is great“.

Der richtige Bus ist zu dieser Zeit am vollsten. Ich muss stehen. Leise seufzend nehme ich meinen kleinen Rucksack vom Rücken, da er in dem Gequetsche am Rücken keinen Platz hat, und halte ihn hilflos in der einen Hand, während ich mich mit der anderen an einer Stange festhalte. Die Stange ist in Schulterhöhe über einer Sitzbank angebracht, die ganz vorne im Bus, gleich hinter dem Fahrer ange­bracht ist. Diese Bank ist immer für Frauen reserviert, im Rest des Busses, gleich hinter mir, sind nur Männer. Ich stehe also im Moment in Fahrtrichtung vor der Bank, frontal zu einer Frau, die ja entgegen der Fahrtrichtung sitzt und mich anschaut.

Bei einer zu schnell ausgefahrenen Kurve rempeln nicht nur die sitzenden Frauen aneinander, sondern natürlich auch ich, die ich mich nur mit einer Hand festhalte, verliere fast das Gleichgewicht, reiße die Hand mit dem Rucksack reflexartig hoch und komme der Frau vor mir kurzzeitig sehr nahe... nach dem Adrenalinstoß, bei dem die Frau schützend ihre Hände ausgestreckt hatte, um mich abzufangen, bedeutet sie mir mit Gesten, dass ich ihr meinen Rucksack auf den Schoß legen solle. Unsicher blicke ich erst sie, dann verstohlen den Rest der Bank an – drei weitere Frauen haben jeweils zwei Handtaschen auf den Knien liegen. „Eine Sitte mit hohem praktischem Wert“ denke ich, nicke der Frau vor mir dankbar zu und gebe ihr meinen Rucksack. Jetzt kann ich mich, über ihren Kopf hinweg, mit beiden Armen festhalten.

20 Minuten später. Noch nicht einmal die Hälfte des Weges ist geschafft. Meine Arme... schmerzen. Der Busfahrer ist verrückt. Da


ich meine Beine aus Platzmangel nicht breiter hinstellen kann, brauche ich weiterhin enorm viel Kraft, um die Fliehkraft des Busses bei Bremsungen, Kurven und Kavalierstarts auszugleichen und nicht umzufallen. Was war das? Etwas hat mich am Hintern gestriffen... an die Stange geknebelt versuche ich, mich so weit es geht umzusehen, um herauszufinden, ob es eine Tasche einer aufstehenden Person war oder wieder ein Grabscher. In Bussen oder auf engen Straßen ist mir Ähnliches bereits passiert.

Teilnahmslose Mienen kleiner dürrer Männer, ich koche vor Wut, meine Blicke werden zu Eis.

Nach fünf Minuten geschieht es nochmal, ich drehe mich blitzartig um, lasse sogar mit einer Hand die Stange los, doch der, der es vermutlich war, springt gerade aus dem fahrenden Bus auf die Straße. Mit verengten Augen schieße ich Pfeile auf die restlichen Männer ab, doch sie sind alle nur Lämmer, haben gar nichts gesehen und sehen auch mich nicht. Nicht, so lange ich mich ihnen ent­gegenstelle.

Da der Bus wieder scharf bremst, nehme ich ergeben meine alte Stellung ein, Blick nach vorne, Rücken zu den Lechzern.

Halb neun. Nach 50 Minuten Fahrt quetsche ich mich erlöst zum Ausgang, klettere aus dem Bus, der für mich extra hält. Wenigstens ein Privileg: bei Frauen halten Busse ganz an, während einzelne Männer beim Aus- und vor allem beim Einsteigen den Bussen richtig hinterherrennen müssen...

Egal. Jetzt geht´s zum Süßigkeiten-Laden. Das habe ich mir verdient. Diese Mini-Konditoreien, bei denen die Ameisen ungestört auf den Warenflächen hinter dem Glas spazieren, bieten lauter Köstlichkeiten an, denen ich sofort verfallen bin. Immer noch habe ich keinen blassen Schimmer, wie man die verschiedenen Teilchen „herstellt/backt“ (?), die die Größe von Ferrero-Rocher-Kugeln haben. Ebenso egal, hauptsache, es schmeckt! Aus vier verschiedenen Sorten suche ich mir jeweils ein Süßes aus. Vom besten Stückchen hatte gerade eine der Ameisen gekostet. Aber ich bin ja nicht mehr zimperlich.

Nun auf in´s Internet Café! Etwa alle drei Tage statte ich der Familie, die in einem Raum ihrer Wohnung vier PC´s stehen hat, einen Besuch ab. Zwei Computer davon sind internetfähig, was aber noch lange nicht heißt, dass es jedes Mal klappt, die Verbindung herzustellen... ein Mädchen öffnet mir die Tür, sie ist die Köchin der Familie, keine Tochter. Schon bekannt nicke ich der dicken Mami zu, die die Chefin der PC´s ist, lege meine Sandalen ab und lasse sie auf einer Matte neben der Tür stehen. Die Mami im hellen Salvar (ungewöhnlich; evtl. trägt sie diese Kleidung, weil sie schwanger ist?) watschelt vor mir her in den Computerraum, schmeißt eine der Kisten an und hackt Passwörter in die dazugehörige Tastatur, auf der der Staub klebt.

Es klappt, wow, ran an die Arbeit.

Ruck zuck ist es viertel vor zehn – es gibt einfach zu viele Leute, denen ich e-maile, und zu viele Dinge, die gemailt werden müssen. Doch jetzt ist Zeit zu gehen, das Zuhause ruft.

Schwitzend lege ich die letzten zehn Gehminuten zu den Sarkars zurück, werde dabei ständig von Rikshaw-Glocken auf die jeweils andere Straßenseite gescheucht, wo es keinen Bürgersteig gibt, gehe vorsichtig um schlafende Obdachlose und Hunde herum und freue mich auf die einigermaßen kalte Dusche.

Mitte Woche 3

Die Tage sind jetzt länger für mich. Aufstehen um 7.00, um 8.00 das Haus verlassen, von 9.00 bis 19.00 Uhr arbeiten. Ja, seit Anfang der Woche arbeite ich nun ganztags, mit einer Pause von 14.00 bis 16.00 Uhr. Ist irgendwie besser so als erst um 16.00 anzufangen... hätte ich gleich von Anfang an machen sollen, aber was solls...

Brief an meinen Freund (Auszug)

„Was das Thema Lebensgefühl angeht, sind hier alle total zurück – aus der Sicht eines Europäers! Man geht nach 21.00 Uhr nicht mehr aus dem Haus, als Frau sollte man sogar bis 20.30 Uhr zu Hause sein. Gestern z.B. war ich um 20.30 Uhr mit Vaebhav, meinem AIESEC-Betreuer, an der Bushaltestelle verabredet, die in der Nähe seines Hauses lag, um dann mit ihm in seiner Familie zu Abend zu Essen. Der Typ ließ sich einfach nicht blicken, ich stand da und beobachtete, wie sich die Straße ab 20.35 Uhr rapide leerte, um 20.40 Uhr waren alle Frauen weg, nur noch einige Männer, darunter ein dubioser Bettler, der mich nur 1x anbettelte, waren übrig und guckten mich, wie immer und die ganze Zeit (!!!NERV!!!) von der Seite heimlich an. Ich starb tausend Tode, sollte ich jetzt etwa das Handy zücken und bei Vaebhavs Mutter anrufen, um die genaue Adresse zu erfragen?? ... dann würden sie mich ja alle gleich ausrauben. (Schmarrn, die meisten hatten ja Aktenkoffer in der Hand, aber trotzdem...) Um 20.52 Uhr fuhr dann ein Auto nahe an mich heran, eine Tür ging auf, eine Frau gab sich als Vaebhavs Mutter zu erkennen... Fazit: Wegen 20 Minuten Verspätung waren Vaebhavs Eltern so besorgt, dass sie mich abholen kamen! Vaebhav selbst kam erst um 21.00, hatte sich verspätet.

Teil II dieser merkwürdigen Zeitzwänge, unter denen ich echt ganz schlimm leide, ist, dass ich immer um 22.00 bei mir (bei den Sarkars) zu Hause sein sollte! Denn: ich habe keinen Schlüssel – das ist hier üblich, wenn man nicht in einem Hotel wohnt – deshalb muss immer der 13jährige Hausboy springen und mir aufmachen. Da er kurz nach zehn Uhr ein fettes Schloss an das Gartentor hängt, komme ich danach nicht mehr an die Hausklingel an der Haustür ran – UUPS, gerade ist ein kleiner Gecko an meinem Fuß vorbeigerannt – also, Ende vom Lied: die kleine Andi muss pünktlich daheim sein!

Sowas kannte ich bisher nicht!! Bin ich hier, um zu lernen, was FESTE REGELN sind? Hm. Auf jeden Fall war das z.B. gestern wieder richtig blöd, weil wir erst um 21.30 oder so ungefähr zu Essen angefangen hatten... das Essen... ich kann nicht sagen, dass ich alles supergut finde, aber hier gibt es doch einige Dinge, an die man sich gewöhnen kann! Zum Beispiel die selbstgemachten Süßigkeiten, die man mitten zwischen die Kartoffeln/den Reis etc. reinnascht... das Essen mit Händen geht auch immer schneller...

Bald werde ich (hoffentlich, wenn ich nicht wieder von den AIESECern versetzt werde, wie schon bereits 3x vorher...) eine der drei Discos (!!!) von Calcutta kennenlernen. Hier spielt die Musik so bis 0.00 oder höchstens 1.00. Ohne Worte, oder?“

Die Einladung

Ja ja, das Essen bei Vaebhav. Genau wie die Tage bei Indrani: ein ganz besonderes Erlebnis. Der Unterschied war von vornherein der, dass mir der Abend bei Vaebhavs Familie (Oberschicht) als viel größerer Gegensatz zu dem Alltag dieser Stadt vorkam, da ich zu diesem Zeitpunkt ja bereits zwei Wochen mit Straßenkindern gearbeitet hatte und an einem normalen Arbeitstag mehr Obdachlose sah als Leute in teuerem Outfit.

Die Wohnung war – groß! Zumindest ich als Studentin, die noch dazu in einer Münchener Wohnung haust, wunderte mich allein über das Wohnzimmer. Hier hatten drei mehr als doppelbettgroße „Liegeflächen“[25] Platz, sowie ein ausladender Esstisch, mindestens drei edle Teppiche und sonstige Möbel. Aufgrund der geschmack­vollen Einrichtung kam man sich trotz der Weitläufigkeit der Wohnung nicht verloren vor (im Gegensatz zu meiner Unter­bringung bei den Sarkars).

Mein erster Gang hatte das eher spärlich eingerichtete Bad zum Ziel, wollte mich vom Rainbow- und Busfahr-Staub zu befreien.

Von Vaebhavs Mutter und seiner (jüngeren) Schwester wurde ich sehr warmherzig empfangen und aufmerksam „bedient“, sie lasen mir einfach jeden Wunsch von den Augen ab. Der Vater war etwas zurückhaltend, er sprach während des ganzen Essens nicht mit mir – was vielleicht daran lag, dass er nur schlecht Englisch sprach (wie mir Vaebhav noch schnell verraten hatte).

Der Abend war kurz – wir aßen und dann musste mich Vaebhav schon heimfahren. Dennoch kam er mir wie eine Ewigkeit vor. Jeden Bissen prägte ich mir als Gaumenfreude ein, für jede Aufmerksamkeit („Du möchtest doch sicher noch ein Chapati[26], die magst du doch so gerne“) hätte ich die Leute knutschen können.... kurz: nach all den kulinarisch puristischen Tagen (trockenes, unge­toastetes Toast mit Erdbeer-Jam morgens, purer Reis oder Reis mit Tomatensoße abends...) schwebte ich im siebten Himmel. Von nun an werde ich nicht mehr sagen „Ich aß wie Gott in Frankreich“, sondern „Ich aß wie Student in Indien“.

Doch auch die Gesellschaft der Familie war schön. Vaebhav und die zwei Frauen des Hauses stellten intelligente Fragen über Deutsch­land, so dass eine wirklich schöne Diskussion zustande kam. Über Geschichte und Wirtschaft bis hin zur deutschen Gegenwartspolitik waren sie erstaunlich gut informiert. Da wir so unsere Länder vergleichen konnten, lernte auch ich wieder viel Neues über die Qualitäten und Sorgen Indiens.


Eine Neue

Eines Tages in der dritten Woche kam ich etwas verspätet aus dem Lehrerzimmer nach unten in die Halle. Die Sirs waren schon da, alles arbeitete fleißig, aber...

Da saß ein Mädchen, das neu war, auf einer der Bänke, allein. Wer war sie? Warum beschäftigte sich niemand mit ihr? Sie war ver­hältnismäßig groß und hatte einen etwas krummen Rücken, wie sie so saß. Ihr Kleid schien frisch aus einem Schrank zu kommen, so leuchtend sauber sah es aus und so stark hob es sich von ihrer dunklen Haut ab.

Bisher hatte ich sie von der Seite beobachtet, jetzt drehte sie den Kopf, sah mich und lächelte langsam. Ein sehr feines, klares Gesicht blickte mir entgegen, doch etwas stimmte nicht. Dieses Mädchen war traurig, müde, wirkte so anders als die anderen, ruhig.

Puja sprang auf mich zu und führte mich zu jener Bank. Das Mädchen fragte: „Tomar nam ki?“[27] Ich antwortete „Amar nam Andrea. Tomar nam ki?“ „Ruma“. Sie nahm meine Hand und wollte, dass ich mich neben sie setzte. Da Ruma kein Englisch sprach, klärte mich Puja darüberauf, dass Ruma heute von zwei spanischen „Antis“ gebracht worden war, dass sie keine Eltern hatte, dass sie jetzt hier wohnen würde und dass ich ihr das Alphabet und die Zahlen beibringen sollte. 

Da saß ich nun und fühlte mich plötzlich von einer Verantwortung erdrückt, die mir riesig vorkam und die ich erst mal schlucken musste. ICH sollte dem Mädchen (laut Sister Cyril, wohlgemerkt) die ersten Schritte Englisch beibringen... warum wurde damit nicht einer der sieben Muttersprachler betraut?

Ruma hielt sich immer noch mit ihren beiden Händen an meiner rechten Hand fest, während wir auf der viel zu kleinen Holzbank saßen, und sah mich an, forschend.

Irgendetwas sagte mir, dass sie nicht zu den Iren gehen würde, und ich beauftragte Puja, uns ein Blatt Papier und einen Bleistift zu bringen.

Ruma lächelte wieder. Und legte kurz ihren Kopf an meine Schulter.

So lange ich da war, würde ich alles tun, um sie lächeln zu sehen, richtig lächeln.

E-Mail an meinen Freund (Auszug)

„mir gehts immer noch gut, von meiner nase mal abgesehen, denn die leidet wegen der hohen luftverschmutzung hier, d.h. sie ist immer verstopft  und zwar so schlimm, dass ich fast die ganze zeit luftprobleme habe und immer taschentuecher rumschleppe... das ist nciht so schoen...

die kinder in meinem praktikum sind voll lieb, es ist echt erstaunlich und eine unheimliche erfahrung, mit ihnen zu arbeiten!! gestern kam ein maedchen ganz frisch von der strasse in die schule und wird jezt dort wohnen, sie ist 11 jahre alt u. total anhaenglich bei mir, weil sie mich fuer ihre grosse schwester oder sowas haelt, habe ihr schon das abc beigebracht....“


Woche 4

Montag

Ein Schwall Abgase quillt zum Taxifenster herein. Weiter geht´s, es ist Nacht, schon 21.30 Uhr.

Ich genieße die Fahrt, den warmen Fahrtwind, habe das Gefühl, den Weg zu kennen und dem Taxifahrer weisgemacht zu haben, dass ich kein Tourist bin, sondern mich auskenne. Dieser weicht tapfer Autos ohne Licht aus oder er fährt so lange in der Mitte der Straße, bis die anderen ausweichen. Mehrmals bleibt mir der Atem stehen, als wir zentimetergenau entgegenkommende Fahrzeuge passieren.

Als ich im Jodhpur Park, bei meinem Heim im südlichsten Teil des Zentrums, ankomme, habe ich das Gefühl, zwei Stunden Atem­übungen hinter mir zu haben...

Gegessen habe ich schon, sehr gut. Also kann ich mich unter das Mosquitonetz legen und lesen oder SMS nach Deutschland schicken. Könnte davon erzählen, dass es inzwischen auch bei mir so ist, dass, wenn ich zum Tor hereinkomme, die Kinder auf mich zukommen, „Anti“ schreien und an meinen Armen ziehen. Wenn ich mich darauf einlasse, einige von ihnen herumzuschleudern, ist die Hölle los, dann wollen alle – deswegen warte ich mit dieser Physical Education[28] am besten immer, bis die Iren kommen – da ist alles besser verteilt. Am Anfang, d.h. um 16.00 Uhr, wenn ich nach meiner zweistündigen Pause zu ihnen gehe, müssen die Kleinen sich deshalb mit den Handspielchen zufrieden geben – auch kein Problem, Ausdauer ist bei so was immer vorhanden...

Von 9.00 bis 14.00 Uhr bin ich übrigens nicht mit den Rainbows beschäftigt, sondern fungiere für die jeweils 3ten und 4ten Klassen von Loreto als eine Art Nachhilfelehrerin. D.h., während der normalen Unterrichtsstunden bekomme ich etwa im 45 Minuten-Rhythmus Schüler geschickt, die etwas „hinterher“ sind. Hinterher sind sie entweder, weil sie länger gefehlt haben, oder weil sie eine Lernstörung haben.

Vom letzten genannten Kaliber gibt es zwei Mädchen, die meine Geduld wirklich ausreizen. Die eine ist wenigstens nur unkon­zentriert, doch die andere ist auch noch rabiat, zappelig und gegenüber ihren Mitschülern sogar gewalttätig.

Eine der Lehrerinnen erzählte mir, dass dieses Mädchen von ihren Eltern verlassen wurde und bei den Großeltern lebt – was wohl irgend einen Defekt in ihrem Verhalten hervorgerufen hat. Nevermind, außer diesen zwei sind die meisten lieb und eifrig bei der Arbeit.

Um 14.00 Uhr bekomme ich immer mein Spezial-Mittagessen serviert, das der Koch extra für mich „unspicy“ (nicht scharf) zubereitet – was aber nicht heißt, dass es nicht mehr scharf ist... er kann´s einfach nicht lassen! Das Mittagessen ist meistens der uner­freuliche Teil des Tages – irgendwas ist immer dabei, das mir nicht schmeckt, oder das ich aus Vorsicht nicht esse... z.B. den Salat, der mit Leitungswasser gewaschen ist... der Gang zum Mülleimer... jedes Mal peinlich!

Was ich heute nach 19.30 Uhr gemacht habe? Ich habe mein Abendessen in einem Heim für Lerngestörte eingenommen. Wie ich dorthin kam? Durch Zufall hatte ich in Loreto Merrie, eine Eng­länderin, kennengelernt, die für ein paar Tage in dem Heim wohnt. Sie hatte mich zum Essen dort eingeladen, weil wir für nächste Woche einen 5tägigen Tripp in das 450 km entfernte Puri planen... ja, durch sie werde ich nun doch mal was anderes sehen als Calcutta! Am kommenden Sonntag würde es um 8.00 losgehen, am darauf folgenden Freitag würden wir zurück sein, am Samstag würde ich wieder arbeiten.

How exciting! Ich würde das berühmte Zugfahren in Indien, Land­schaft und Tempel kennenlernen, ach ja, und Puri ist bekannt für seinen langen Strand.

Mail an meine Mutter (Auszug)

„WAS HABE ICH GETAN??? WIE KONNTE ICH SO Bloed sein und glauben, dass ich einfach nach indien fahre, 2 monate irgendwelchen kindern oder jugendlcihen helfe und danach einfach nach hause fahre????

ich checks nciht!!!
bereis jetzt sterbe ich bei dem gedanken, sie alle zu verlassen!!!
sie sind mir so ans herz gewachsen, das ist so unglaublich!!
besonders das eine maedchen, ruma, das ganz neu kam und noch kein englisch spricht, sie haelt mich immer nur am arm oder sitzt neben mir und schaut uns still zu, wie wir anderen hausaufgaben machen, sie ist so traurig, sie hat keine eltern mehr und sagt noch nicht viel...
nur wenn sie zu mir hochschaut, laechelt sie, aber es ist nie ein
wirkliches laecheln, da steckt was hinter ihrem gesicht, das sie erst verdauen muss... ich hoffe, ich erlebe es noch, wo sie das erste mal richtig mit den andern kindern lacht!!!
sie ist voll huebsch, hat total die feinen gesichtszuege,
ich muss ganz viele fotos machen...“

Dienstag (Woche 4)

Noch jemand

Schon wieder saß wie aus heiterem Himmel ein fremdes Gesicht auf einer Bank inmitten der Rainbow children. Wieder ein Mädchen. Es hatte vor sich zwei englische Hefte mit Kurzgeschichten liegen, die ich am Verlag als solche erkannte. Verwundert nahm ich den kleinen Sairatali kurzweg auf den Arm, der eigentlich darum bat, das „fliegende Karussel“ sein zu dürfen, und ging auf das Mädchen zu. Sie stand auf, stellte sich in gutem (indisch-) Englisch als Monica Pronita vor und fragte, ob ich ihr bis Freitag bei der Vorbereitung auf eine Klausur helfen könnte.

Ich musste grinsen – keine Zahlen von 1-100, kein Buchstabieren von einzelnen Wörtern, sondern Dramaturgie-Diskussionen über englische Kurzgeschichten? Ich wollte mir diese Aufgabe sichern, bevor die Sirs auftauchten... ab und zu ist eine intellektuelle Ab­wechslung einfach nötig.

Monica war mir sofort sympathisch. Komischerweise entdeckte ich bei ihr erst nach einer langen, schwierigen Kurzgeschichten-Bewältigung, wie hübsch sie war. Hatte es am schlechten Licht gelegen oder daran, dass wir so in die Hefte vertieft gewesen waren? Fast kam es mir vor, als ob sie mir ihr volles Lachen erst gezeigt hatte, nachdem sie mich heimlich während meiner Bemühungen beobachtet hatte.

Nevermind. Bald hatten wir nebenbei auch die wichtigsten Daten über uns ausgetauscht. Sie war die erste der Loreto-Jugendlichen, mit der ich mich praktisch uneingeschränkt unterhalten konnte. Monica war 17, ging in die 11te Klasse – aber nicht in die Loreto-Schule – sie wohnte hier nur, da ihre Mutter auf dem Dorf lebte und ihr kein Zimmer in der Stadt bezahlen konnte. Ich hatte Monica hier noch nicht gesehen, da sie gerade frisch aus einem Krankenhaus kam, in dem sie drei Monate verbracht hatte...

Nebenbei tauchte da ein Wort in einer der (hochkarätigen!) Kurzeschichten auf, das nicht in meinem Handlexikon stand. Kompetent und keineswegs peinlich berührt erhob ich mich, um einen der inzwischen eingetroffenen Sirs nach der Bedeutung des Wortes zu fragen. Alle kehrten sie mir (empört oder ebenfalls gar nicht peinlich berührt) den Rücken zu, niemand kannte es. Strike.

Das war der Moment, in dem sich die Neckfronten Loreto-Girls (inklusive mir) vs. Irish Boys bildeten.


Den Rest des Abends machten sich also alle älteren Mädchen und ich über die Iren lustig und umgekehrt. Das letzte Wort behielten natürlich wir:

„Irish boys are naughty boys“[29].

Donnerstag (Woche 4)

Musikstunde

Schmunzel. Was ist denn mit dem passiert? David, einer der glorreichen Sieben, kam heute mit einer frischgeschorenen Glatze an. Da einige der kleinsten Kinder erst vor einer Woche wegen Lausbefalls geschoren worden waren, fragte ihn natürlich jeder, ob er Läuse gehabt habe. Nein, hatte er nicht. Und warum er seine schönen Haare abrasiert habe? Wüsste er nicht. Er war merkwürdig kurz angebunden. Bryan und Keiths Kommentar: „He´s gone crazy.“[30] Aha. Na dann. Sie erzählten etwas von einem „Tropen­koller“, einem Phänomen, das es angeblich wirklich gibt, eine Art „Ausraster“, den Leute bekommen, die das Tropenklima nicht gewohnt sind und die dabei vorübergehend nicht wirklich zurech­nungsfähig sind – und völlig irrationale Sachen machen, z.B. sich eine Glatze schneiden lassen.

Auf jeden Fall sorgte David nicht nur wegen seines Äußeren plötzlich für Aufruhr. Er hatte auch eine Gitarre dabei. Eine Gitarre! Ein Ding aus Holz, mit Saiten, und das in diesem Klima! So sah sie allerdings auch aus und noch schlimmer hörte sie sich an. David hatte das Instrument für umgerechnet 15 DM auf einem Bazar gekauft, wir anderen spekulierten, dass es noch aus der Hippie-Zeit stammte. Eine Saite fehlte.

Die Attraktion war für kurze Zeit perfekt, die Kinder scharten sich um ihn, obwohl er allein sein wollte. Doch sie blieben nur so lange, bis er anfing, irgendwelche Nirvana-Akkorde zu schrammeln und schief dazu zu singen – ob mit oder ohne Absicht wusste niemand. Eben crazy. Nach fünf Minuten saß nur noch ich mit großen Augen vor dem in sich versunkenen Menschen mit Gitarre. Nicht wegen der Töne, die er sang, sondern wegen der Erinnerung an Töne, die er weckte, Lieder, die ich im Kopf habe, die ich sind. Musik, meine Musik, klang in mir und schrie mich an, wie ich so lange ohne sie auskommen konnte. Heimweh ist gar kein Ausdruck für das, was nach mir griff und mich sprachlos machte.

In diesem Moment kam es mir so erstaunlich vor, dass diese Iren und ich hier, derart weit weg von daheim, mehr gemeinsam haben als dass uns etwas unterscheidet – ein paar Akkordfolgen und jeder weiß, welche Zeit, welches Lebensgefühl und welche Aussage dahinter steckt. Während jeder Inder bei diversen West-Klängen die Flucht ergreift[31]. Aber nicht nur die Musik, fast alles verbindet uns zu „Europäern“ (wie man sicher schon im Laufe des Berichtes gemerkt hat)... die Sieben kennen die Grimmschen Märchen, ich irisches Bier und die Cranberries. Keine Ahnung, welch pathetisches Teufelchen mich ritt, als David „One“ von der Band U2 klimperte, aber ich war dankbar, diese Entdeckung gemacht zu haben, mich als „Europäer“ fühlen zu können und zu spüren, dass da tatsächlich etwas war, was nicht dagewesen wäre, wenn noch amerikanische oder australische „Sirs“ hier gewesen wären.

Mit der Gitarre war wohl noch nicht genug musiziert worden, denn nun hörte ich hinter mir – ein Klavier. Ein Klavier, ein Klavier[32], spinne ich jetzt? Nein, Bryan saß an dem Kasten, auf dem ich seit drei Wochen täglich meinen Rucksack abstelle, und erweckte ihn zum Leben. Mit „Für Elise“ von Beethoven, womit wir wieder bei der Euro-Kultur-These wären... Sehr interessante Entdeckung, das Klavier. Leider klang es auch so, wie man es bei einem, das durchgehend zwar überdacht, aber an der frischen Luft steht, vermutet.

Ich hatte eine Idee, winkte Monica zu mir und flüsterte ihr ins Ohr. Begeistert nickte sie und machte sich mit mir auf die Suche nach drei, vier Mädchen, die es zu überzeugen galt. Zu fünft bauten wir uns hinter dem Pianomann auf und verlangten von ihm, die Melodie von „Bruder Jakob“ zu spielen. Es klappte, die Mädchen sangen mit ihren hohen Stimmen „Are you sleeping, are sleeping, Brother John...“ und standen dabei gerade, als ob sie vor der Flagge Indiens salutieren würden. Herzallerliebst. Drei Strophen lang schafften Monica und ich es, die Kleinen zweistimmig im Kanon singen zu lassen, dann kamen die Jungen Sairatali und Ashish vorbei – aus war´s, plötzlich mussten alle Fangen spielen.

Monica und ich applaudierten Bryan zu dessen toller Performance am Klavier, was er gar nicht witzig fand, weil er vielleicht glaubte, wir würden ihn wegen der schiefen Töne veräppeln, für die er gar nichts konnte.

Trotzdem nahmen er und Keith mich nach getaner Arbeit zum Abendessen mit. Eigentlich hatten wir ja geplant gehabt, Monica und Shefali, ihre beste Freundin, zum Dinner auszuführen. Doch Sister Cyril hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Keines der Kinder sollte durch derartige Privilegien vor anderen bevorzugt werden. Außerdem sollten sie nicht durch jeglichen Luxus verdorben werden, schließlich gilt: „What they don´t know they won´t miss“[33].

Also würden wir zu dritt Essen gehen. Draußen, vor dem Tor, ging einer der Herren los, ein Taxi zu ergattern. Unsere Strecke würde kurz sein und jeder Taxifahrer wusste, wo wir hinwollten. Innerlich stöhnte ich schon über die Diskussion, die, wie immer, kommen würde – der Fahrer würde einen viel zu hohen Preis veranschlagen, wir müssten uns umdrehen und so tun, als ob wir auf ein anderes Taxi warten würden, bis der Fahrer doch noch einlenkte, und wenn er es nicht tat, würden wir in der Tat auf das nächste Taxi warten, mit dem wir uns wieder streiten könnten. Doch nein, wer hätte das gedacht, bei dem ersten Taxi, das heranwackelte, wurde mir eine Tür aufgehalten und bevor ich richtig saß, war schon ausgemacht, dass wir zum richtigen Preis fahren würden. Diese schnelle Ab­wicklung führe ich einzig auf den Umstand zurück, dass die Inder vor großen weißen Männern noch viel Respekt haben, während sie bei einer weißen Frau, sehr wohl den Unterschied zwischen Frauen und Männern kennen und auch raushängen lassen – alleinreisende Frauen haben gar keine Daseinsberechtigung, denn, was sind das für Frauen, die von ihren Ehemännern weggelassen werden? Die sollen ruhig dafür zahlen, dass sie heile ankommen.

Jedenfalls war es toll, mich endlich mal wieder „wohlbehütet“ zu wissen, wusste gar nicht, dass mir das überhaupt fehlen könnte. Wir fuhren in die Sudder Street, DIE Touristenstraße überhaupt. Hier gab es die einzigen Restaurants, die für westliche Münder kochen (d.h., die absolut keine Gewürze verwenden), hier gab es hoch­moderne Internetcafés, Low-Budget und Mittelklasse-Hotels, die meisten Bettler und eine Bar, die Lassi[34] ausschenkte. Bevor wir uns an die Lassis machten, gingen wir zum Essen in ein Restaurant.

Es waren schon drei Gäste da, alles Weiße! Unglaublich. Ich freute mich über sie. Neugierig beobachtete ich sie die ganze Zeit aus den Augenwinkeln und fragte mich, was sie von dieser Stadt hielten. Sie sahen wie typische Rucksack-Touristen aus – braungebrannt, ungepflegte Haare, ausgewaschene T-shirts. Sie hielten sich hier wohl nicht lange auf, was sollten sie hier? Würden sie hier auch arbeiten, hätten die Iren sie schon längst begrüßt – als freiwilliger Helfer kannte man sich nach vier Wochen einfach. Zudem entlarvten sich diese Weißen als echte Touris, weil sie ihre kleinen Rucksäcke dabeihatten, die proppenvoll aussahen. Hier waren Wasserflaschen, Brot, Regencapes, evtl. Pullis, Taschenlampen, Stadtpläne und Reiseführer eingepackt. Wir dagegen hatten entweder gar nichts außer Geld im Bauchgürtel bei uns oder (zumindest ich) einen Rucksack, in dem nur eine Wasserflasche und ein kleiner Regenschirm schlummerten.

Auf der Speisekarte entdeckte ich: „Corn Flakes with milk“. Uff! Milch! Musste ich haben! Waren zwar keine echten Corn Flakes und die Milch war lauwarm, aber... trotzdem unbezahlbar.

Freitag (Woche 4)

Werde diese Mega-Erkältung nicht los. Eigentlich ist es ja keine Erkältung, denn außer der tierisch verstopften Nase fehlt mir nichts... wahrscheinlich ist es echt nur eine „Dauer-Abwehr“ meines Körpers auf die Luft hier.

Ruma ist krank. Sie hat Fieber und ist zu schwach, nach unten in die Halle zu kommen, denn sie hat ihre Bettstatt seit gestern nicht mehr verlassen. Theresa und Sr. Mary vermuten, dass das Fieber psychischen Ursprungs ist und die Kleine sich jetzt, wo sie sich in sicheren Händen fühlt, das Kranksein „erlaubt“ bzw. ihre schlechten Erlebnisse „verdaut“. Es scheint oft vorzukommen, dass neu ein­getroffene Kinder erst einmal krank sind.

Ich habe Ruma abends kurz besucht und ihre Hand gehalten. Sie wollte mich festhalten, aber ich machte mich los, sie sollte ja weiter­schlafen.


Disco auf indisch

Um 19.30 Uhr machte ich mich heute zu dem Ereignis des Monats auf: dem Discobesuch. Vorher hatte ich in der Toilette des Lehrer­zimmers noch schnell ein bauchfreies Oberteil angezogen, das ich jedoch im Taxi weiterhin durch ein langes T-shirt versteckte. Arvind, einer der AIESEC-Studenten, hatte mir genau beschrieben, was ich dem Taxifahrer sagen sollte und wo ich hinmusste. Park Street, die Nobelstraße. Die Disco sei in einem der Nobelhotels. Gespannt wie ein Flitzebogen entstieg ich dem Taxi und wartete zur Begrüßung 20 Minuten auf Arvind. Er kam zusammen mit zwei weiteren AIESECern, der Rest der Gruppe würde etwas später auch kommen. Wir stiegen eine Marmor-Treppe nach unten in eine unterirdisch gelegene Etage des Hotels. Dort empfing uns ein Podest, hinter dem ein echt modisch gestylter Inder stand und uns prüfend anblickte. Arvind baute sich vor ihm auf und erklärte, dass sein Freund Vivek für ihn und seine Freunde (also mich und die anderen AIESECer) reserviert hätte. Der Podest-Mann blätterte in einem großen Buch, das mich an die typischen Hotel-Gästebücher erinnerte (was es wohl auch war), und verweigerte uns den Eintritt, da er nichts davon in dem Buch fand. Arvind zog verzweifelt sein Handy raus, wählte eine Nummer, sagte genervt zu Vivek „hey, klär´ das bitte mal, wir kommen nicht rein!“, hielt das Handy dem Podest-Mann hin und wartete darauf, dass Vivek jenen davon überzeugte, dass wir eintreten könnten.

Vivek redete am anderen Ende der Leitung mit Engelszungen, bis der Mensch uns herablassend das erwartete Handzeichen gab. Wir durften in die Disco.

Entfernt sah ich mich an die Münchener Disco-Welt erinnert, in der man wegen Turnschuhen am Eingang vor Clubs scheitern kann. Unterschied: hier war mir der Grund für die Eintrittsverweigerung noch unklarer. Vor allem, als wir unten eintraten und insgesamt vielleicht 20 Leute da waren. Der Raum war nicht besonders groß, aber dreigeteilt in Tanzfläche, Bar und einen Abschnitt mit Tischen und Stühlen. In der Bar-Gegend stand eine Eckbank mit Mini-Tischen und ein Billardtisch. Ja, ein Billardtisch in einer Disco. Dieser Abschnitt war hell erleuchtet. Gleich daneben, auf der noch leeren Tanzfläche (ca 20m2), war es schummrig. Der bestuhlte Teil der Disco war wieder normal beleuchtet.

Alles sah picobello aus. Vor der Tanzfläche stand ein neues japa­nisches Motorrad, das es morgen Abend zu gewinnen gäbe. An der Bar warteten gleichaltrige Schickis auf Action und tranken Cola. Arvind eröffnete mit seinen Kumpels ein Billardspiel.

Ich fühlte mich wie auf einem Kindergeburtstag. Und wartete auf bessere Zeiten.

Hurra, da kamen 15 AIESECer gleichzeitig zur Tür herein, zur Hälfte auch Mädchen. Na, dann konnte es ja losgehen. Du musst wissen, ich bin Musik- und Tanzfreak. Die Musikauswahl klang übrigens sehr vielversprechend!

Doch weit gefehlt, zuerst hielt jeder/jede mit jedem/jeder ein Schwätzchen und mit erwartungsvollen Blicken musterte man die Tanzfläche, auf der sich erst fünf Mädchen befanden. Ich weiß zwar nicht mehr, wie wir darauf kamen und welche Fragen ich Arvind gestellt hatte, aber ich erfuhr mit Staunen, dass nur Frauen alleine tanzen durften. Alleine oder mit Partner. Männer dagegen durften nur entweder als Männergruppe oder mit einer festen Partnerin auf die Tanzfläche. Aber nie alleine. Deshalb verabredete man sich auch immer so für die Disco, dass 50% Mädchen dabei waren, damit die Männer auch tanzen durften. Oder man ging ganz ohne Mädchen aus.

Ich kombinierte scharf und kam zu dem Ergebnis, dass Disco­besuche für Mädchen ziemlich nervig sein mussten, da ich mir vorstellte, dass ein Junge, sobald er „auf ein Mädchen gekommen war“, das Mädchen den ganzen Abend für sich beanspruchte, und dass das Mädchen quasi mit keinem anderen mehr tanzen durfte. Discoleben war also nicht nur mit dem Zwang belegt, paarweise zu tanzen, sondern auch damit, den Abend lang mit dem gleichen Partner zu tanzen[35]. Diese Vermutung bestätigte sich nur allzu schnell durch Beobachtungen.

Ich hatte Glück. Da ich mit Arvind gekommen war, war ich zwar „seine“ Partnerin und tanzte längere Zeit mit ihm, doch da ich in gewisser Weise auch AIESEC-Eigentum war, wurde ich plötzlich dem Cousin von Vishal (dem AIESEC-Präsidenten, wohlgemerkt) „untergejubelt“. Hierüber war ich sehr erfreut, weil jener wesentlich besser tanzte. Arvind war nicht mehr in der Nähe, sobald er keine Partnerin mehr hatte, sondern er stand an der Bar und wartete darauf, dass der Cousin mich wieder „entließ“.

Doch das verhinderte ich ein Weilchen, indem ich für hier unge­wöhnlich rhythmisch zur Musik tanzte. Die anderen, indischen Mädchen in ihren revolutionär enganliegenden, aber armlangen und ausschnitt-losen Oberteilen, standen eher brav rum als dass sie sich von der Musik treiben ließen. Ihre Augen leuchteten und ich wusste, dass sie gerne mehr mitgehen würden, aber keine tat es.

Das bedauerte ich sehr, weil ich gehofft hatte, von den Töchtern des Bauchtanzes etwas lernen zu können. An diesem Abend war es mir zum ersten Mal völlig egal, wie eine Exotin auszusehen – so egal, dass ich mich ein bisschen auch so aufführte. Alles wurscht, die Musik wollte es so.

Bereits um 21.00 Uhr hatte der wahre Spaß ein Ende. Die ersten weiblichen Discogänger verabschiedeten sich. Um 21.20 Uhr waren nur noch Jungen und ich übrig. Um 21.40 Uhr drängte auch Arvind darauf, nach Hause zu fahren, da sein Vater sehr streng sei. In einem Taxi begleitete er mich zu den Sarkars, erst dann ließ er sich zu seinem Elternhaus fahren.

Hier gibt´s noch Kavaliere!


Samstag (Woche 4)

Ich werde Didi

In der Mittagspause fuhr ich mal wieder in die Park Street und traf mich in einem Restaurant mit Arvind, Indrani, Vishal, Faizah und zwei Holländerinnen, die auf Durchreise waren und in Amsterdam aktive AIESECer sind. Schön war das Gefühl, „meinen Indern“ so vertraut zu sein, dass ich zu ihnen gehörte, (inzwischen) alles verstand und über ihre Witze lachen konnte, während die zwei Holländerinnen explizit Gäste waren und mich oft mit vorgehaltener Hand um eine Übersetzung in´s normale Englisch baten. Wirklich amüsant. Während wir Nan und Dal[36] aßen, stellten wir fest, dass Holländer und Deutsche ein gleiches Wort haben: „lecker“.

Nach dem Essen ging jeder seiner Wege – ich nahm Arvind mit in den einzigen Laden, wo es CDs gab, und ließ mich beraten, welche CD mit indischer Musik ich als Andenken mit nach Deutschland nehmen sollte. Danach liefen wir etwas durch die Straßen in der Park Street – Gegend, die ich langsam ganz gut kannte.

Schon passierte es, wie schon so oft in dieser Gegend. Vier kleine, nackte Kinder streckten mir ihre Handflächen hin und sagten „Anti, Anti“. Als Arvind anfing, sie verbal zu verscheuchen, griffen sie nach meinen Fingern und schrien fast fordernd „Anti!“. Dieses Wort scheinen alle Kinder zu kennen, egal, ob sie auf einer Schule sind oder nicht. Wie versteinert machte ich mich los, ging weiter und beachtete sie nicht. Sie liefen uns hinterher und weinten fast „Antihiiii“. Arvind wurde handgreiflich und schob sie einfach zurück, drohte ihnen böse. Ich ging und ging, vorwärts.

Sie konnte ich hinter mir lassen, ihre Stimmen nicht.

Die Vorstellung, dass ich sie kennen und lieben würde, dass ich sie niemals zurückweisen würde, wenn sie nur ein paar Straßen weiter in der Loreto-Schule lebten, machte mich krank. Alle Kinder der Straße nannten mich „Anti“, doch ich konnte nicht für alle die Anti sein, die ich für die Loreto-Kinder war.

Und nie, nie durfte ich der Versuchung nachgeben, einem von ihnen Geld zu geben.

Zurück in der Schule erzählte ich Monica, dass ich mir gerne ein Bettuch auf dem Markt in Nähe der Schule kaufen würde – eines mit einem der unzähligen schönen Muster. Bei Merrie, der Engländerin, hatte ich eins gesehen und bin auf die Idee gekommen, dass mich das Bettuch in meinem Zimmer nervte, weil es immer schmuddelig war. Monica fasste das sofort als Auftrag auf – oder sie sah es als ihre Pflicht als meine Freundin an, mir dabei zu helfen. Ich sollte Sr. Cyril fragen, ob ich Monica zum Handeln auf den Markt mitnehmen dürfte, weil ich mir etwas kaufen wollte. Dieses Mal stimmte „der bengalische Tiger“[37] zu, Monica und Shefali mitzunehmen, das sei sicherer als alleine oder zu zweit.

Die beiden Mädchen waren nicht zu bremsen vor Ungeduld, sie waren richtig heiß darauf, mit mir rauszugehen. Für echte Loreto-Kinder, die tagsüber Unterricht hatten und auch nachts in der Schule blieben, wie Shefali, war es eine echte Attraktion, das Schulgelände verlassen zu dürfen!

Beide nahmen mich in die Mitte und jede hielt mich an der Hand, so dass mir keine der zwei verloren gehen konnte, oder anders herum, dass ich nicht verloren gehen konnte. Zuerst kam mir das kindliche Händchenhalten sonderbar vor, doch bald sah ich den Zweck davon ein. Auf dem Markt war es so eng und hektisch, dass es tatsächlich gut war, dass wir uns als menschliche Schlange biegsam, aber zusammenhängend, durch die Massen bewegten. Gut war auch, dass ich keinen Rucksack, sondern nur den Bauchgurt am Körper hatte, wegen der Taschendiebe.

An mehreren Tuchhändlern gänsemarschierten wir vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie hatten ihre Ware auf dem Boden ausgebreitet und die Stoffe sahen verlockend aus, aber Monica versicherte mir, dass dies schlechte Ware sei. Erstens, weil sie vom Staub zu schmutzig wären, zweitens, weil sie so schlecht verarbeitet wären, dass die Farben beim Waschen völlig rausgehen würden. Monica war der Boss, sie kannte die Händler und war nicht gewillt, mir einen schlechten Kauf durchgehen zu lassen, nur weil die Optik stimmte. Mir blieb nichts übrig, als ihr still zu folgen und Shefali hinter mir festzuhalten. Auf einmal waren wir scheinbar ange­kommen. Monica bewegte sich auf eine Ladenfront auf der linken Straßenseite zu.

Doch dort erklärten mir beide Mädchen, dass ich hier so lange warten müsse, bis eines zurückkommen und mich holen würde. Denn sie würden nun zu einem Händler gehen und den Preis aushandeln. Hierzu war es dienlich, wenn der Händler mich nicht sah, denn wenn er wüsste, dass eine Weiße die Käuferin ist und keine Einheimische, würde er den Preis niemals im normalen Rahmen veranschlagen.

Wieder konnte ich nichts anderes tun als zu nicken und mich zu fügen, auch wenn ich nicht davon begeistert war, in der Menschenmenge zu stehen und mich begaffen zu lassen.

Die fünf bis zehn Minuten, in denen ich nun allein wartete, dehnten sich und dehnten sich. Ich war gefundenes Fressen für alle gelang­weilten Händler, vorbeischlendernden Mamis und betont langsam gehenden Papis, die in Sichtweite waren. Ich starrte auf den Boden oder blickte mit düsterer Miene stur geradeaus. Neben mir rupfte ein alter Mann auf dem Boden ein Huhn. Auf meiner anderen Seite briet ein dürrer Halbwüchsiger „Rolls“[38]. Beide linsten ständig zu mir rüber, ich wusste es genau.

Endlich, da teilte jemand die Menschenmenge wie Moses einst das Meer. Es war Monica, die grinsend auf mich zukam. Sofort ging ich ihr entgegen. Sie erzählte stolz, dass sie ein schönes Tuch gefunden und einen guten Preis erhandelt hätten.

Gespannt folgte ich ihr jetzt durch enge Gassen, die durch aufge­spannte Tücher gebildet wurden, an stinkenden Geflügel­schlachtplätzen vorbei, über am Boden liegende, schon leicht verschmutzte Laken hinweg, unter tief hängenden Teppichen hindurch. Wirklich jeder Quadratzentimeter wurde als Verkaufs­fläche genutzt.

Shefali stand mit gespielt gelangweilter Miene an einem Stand, wo die potenziellen Bettlaken auf einem Tisch ausgebreitet waren. Der Händler redete immer noch auf sie ein und wollte ihr wohl noch weitere Stücke aufdrängen. Monica erinnerte mich mit einem warnenden Blick daran, dass auch ich gelangweilt schauen müsse und das Tuch abschätzig mustern müsse, weil sonst der Preis sofort wieder steigen würde. Der Händler entdeckte Monica und mich und erkannte das Spiel, das die Mädchen mit ihm getrieben hatten. Missmutig hielt er mir das braun-weiß-schwarz gemusterte Tuch hin, das sie für mich ausgesucht hatten und sagte „130 Rupees“. Monica und Shefali empörten sich sofort und erinnerten ihn daran, dass das Geschäft schon längst auf 110 Rupees vereinbart war, doch leider beachtete er sie nicht mehr. Demonstrativ gnädig nahm ich ihm das Tuch aus der Hand, faltete es lässig auseinander, fühlte und betrachtete den Baumwollstoff genervt und ruppig, so als ob ich das Ding eigentlich gar nicht haben wollte. Zerknuddelt warf ich es wieder auf den Tisch, machte einen Schmollmund und sagte, dass die Qualität nicht den Preis wert sei, den er mir genannt habe und dass ich das Tuch nicht nehmen würde.

Er gab es mir. Für 110 Rupees. 5,50 DM. Kaum waren wir außer Sichtweite feierten wir drei unseren Sieg. Wir waren uns einig, dass ich das Doppelte gezahlt hätte, wäre ich allein zum Handeln gegangen.

Zur „Belohnung“ spendierte ich Shefali eine Musikkassette mit einer Filmmusik aus einem bekannten indischen Film, denn sie hatte erst vor kurzem einen Walkman von einer früheren Anti aus England geschickt bekommen. Von der Musikkassette würden alle älteren Mädchen etwas haben, denn der Walkman wurde zu feierlichen Anlässen hergenommen und schwesterlich geteilt.

Die Sirs kamen heute sehr früh, gegen 17.00 Uhr. Vielleicht hatten sie die Arbeit bei Mutter Theresa geschwänzt, so dass sie zu viel Energie übrig hatten. Auf jeden Fall spielten sie besonders lange und ausdauernd mit den Jungen Basketball. Einige der Jungen hatten echt Talent – klar waren sie schneller und wendiger als die Sirs, aber dass sie auch recht gut in den hoch angebrachten Korb trafen, fand ich erstaunlich. Am besten ging es natürlich, wenn sie von einem Sir hochgehoben wurden und den Ball nur ins Netz fallen zu lassen brauchten.

Während auf dem Hof also mal wieder getobt wurde, hatte Little Shennaz ein Problem und rannte wütend zwischen den kleineren Kindern hin und her. Irgendwann verlor sie die Geduld und wollte sich Hilfe holen. Dazu fiel ihr nur eines ein – nein, nicht ich, denn ich kann kein Bengali, und das Problem, das sie hatte, bezog sich auf nicht-englischsprechende Kinder. Sie rannte auf Monica zu und schrie „oh, Monica Didi !“ Dieses „Didi“ hatte ich schon oft gehört und fragte mich nun ernsthaft, was es eigentlich bedeutet. Als Monica schlichtend eingegriffen und das Problem gelöst hatte, erklärte sie mir, dass das Wort „große Schwester“ bedeutet. Eine „Schwester“ oder ein „Bruder“ müssen nicht unbedingt verwandt sein, sondern es ist ein Ausdruck von Verbundenheit und auch von Autorität einer Person, die man so nennt. Große Schwester/Didi oder Bruder/Bhai in diesem Zusammenhang sind meistens ältere Menschen, die in der Hierarchie „über“ einem stehen, die man um Rat fragen kann und die einem Halt geben.

Wir kennen mit unserem Begriff „Onkel“ (für einen netten Mann, der nicht verwandt ist) eine ähnliche Bedeutung.

Monica war also für die Kleinen eine Art Schwester. Ich betrachtete sie und meinte nachdenklich, dass sie auch für mich wie eine Schwester sei, ohne dass ich dafür einen besonderen Grund nennen könne. Daraufhin guckte Monica mich mit großen Augen an. Sie suchte nach einem Scherz in meinem Gesicht, aber da sie sah, dass ich es ernst meinte, sprang sie wie ein Kleinkind herum und fragte ungläubig immer wieder „Wirklich? Dann bist du meine Didi! Bin ich wirklich deine Schwester?“ Ab da war es beschlossene Sache. Sie war für mich Monica Bon (kleine Schwester), ich war für sie Andrea Didi.

Während wir zu dieser wichtigen Erkenntnis gelangt waren, ging es um uns herum weiterhin zu wie auf einem Sportplatz. Heute wurden definitiv keine Hausaufgaben gemacht, sondern nur rumgealbert. Keith „erschreckte“ gerade unermüdlich die Kleinsten, damit diese kreischend unter die Schulbänke kriechen und sich fürchten konnten. Hierbei musste ich ihm natürlich helfen, zu zweit konnte man die Bande richtig einzingeln und sie, wenn sie wehrlos unter den Bänken hockten, kitzeln, bis sie freiwillig wieder hervor­gekrochen kamen...

Halt. Da saßen sich doch zwei Leutchen am Rande der Halle gegenüber und arbeiteten geistig. Bryan und Muhammad, der große Bruder von Little Shennaz. Verwundert schaute ich kurz bei ihnen vorbei, denn Muhammad hatte es bei mir nicht ausgehalten, sich länger als fünf Minuten zu konzentrieren. Er war genau einmal zu mir gekommen, um die Zahlen von 1-10 zu lernen. Doch da die ganze Zeit seine kleine Schwester zugehört hatte und ihm immer über den Mund gefahren war, wenn er eine falsche Zahl sagen wollte, war es bei diesem einzigen Versuch geblieben.

Die zwei saßen wieder an den Zahlen. Muhammad zählte aus dem Kopf 1,2,3,4,7,8,6, ääähhh ??? Bryan (zählte mit zwei Händen): 4,5,6,7,8. Muhammad (mit einer Hand): 1,2,4,5,6, ääähhh ???

Undsoweiter undsoweiter. Respekt für beide, auch wenn ich nicht glaube, dass morgen in Muhammads Kopf noch ein kleinster Rest des Erlernten vorhanden sein wird. Ähnlich wie das Mädchen, mit dem ich immer vormittags arbeite, hat er zu große Schwierigkeiten, bei der Sache zu bleiben. Ob Muhammad diese Lektion behält oder nicht, ist meiner Meinung nach auch nicht wichtig. Wichtig für ihn ist, dass er – und wenn es nur einige Minuten sind – ernst genommen wird und dass jemand so mit ihm spricht, als ob er die Aufgabe tatsächlich meistern könnte.

Sonntag (Woche 4)

E-Mail an meinen Freund (Auszug)

„uuups, habe gerade den totalen hoellentripp hinter mir, war mal wieder etwas wahnsinnig... als ich in calcutta ankam und im taxi gefahren bin, habe ich mir ja eigentlich geschworen, nie nie nie auf so ein moped zu steigen, denn das sieht wie selbstmord aus!! und was habe ich gerade gemacht??? ich war auf der suche nach einer bank mit geldautomaten in meiner gegend, der erste versuch schlug natuerlich fehl, da sah ich so verzweifelt aus, dass eine frau mich fragte, was ich brauchte...
frauen kann man vertrauen, vor allem, wenn sie gut englisch sprechen und teuere klamotten anhaben (kein witz),... sie beschrieb mir den namen eines platzes, den ich einem taxifahrer sagen sollte, dort waere so eine bank mit automat...
als ich nach 5 minuten noch kein taxi hatte, weil grade rush-hour war, fuhr der mann, der bei der diskussion mitgeholfen hatte, mit einem moped vor... die frau bekraeftigte, you can trust him,.. also stieg ich auf... war alles kein problem, er wartete vor der bank auf mich, brachte mich heil wieder zurueck, war echt nett, lud mich ein, wann anders in seine kneipe zu kommen,
aber... meine nerven,... ich zittere jetzt noch!!!! der verkehr!!!! Die fahrt!!!!  es ist ja schon stockdunkel und der baer los... noch dazu musste er immer ueberholen und zwischen den bussen und taxen durch flutschen, dass ich angst um meine knie hatte, so knapp war das...

aber was erzaehle ich dir das jetzt... ich schwoer, ich tus nciht
wieder!!! aber wenigstens habe ich jetzt wieder geld und kann meine vermieterin bezahlen!!!
wow, das netz ist heute richtig schnell, was geht denn??“

 


Woche 5

 

Puri

Puri. Auf geht´s. Sagte eine Stimme zu mir um 5.45 Uhr morgens. Meine innere Uhr, die mir jeden Wecker erspart. Und die sich nicht abstellen lässt, was in diesem Fall sicher von Vorteil war. Um Punkt 7.00 stand ich vor dem Tor der Loreto Schule, um Merrie zu treffen. Sie war schon da, wir konnten gleich weiterziehen. Als wir von hier aus losgingen und ich daran dachte, dass ich jetzt fünf Tage lang nicht durch dieses Tor gehen würde, zweifelte ich, ob ich wirklich so lange wegbleiben wollte... aber schon hatten wir mit unseren großen Rucksäcken einen Bus erklommen, der uns zu Howrah, dem Hauptbahnhof brachte. Merrie war erstaunlich. Sie kam immer so cool rüber – hatte immer gute Laune, schien sich an den Blicken im Bus nicht zu stören, fragte ständig Inderinnen, ob wir richtig fuhren und wann wir ankommen würden. Ich für meinen Teil hatte das im öffentlichen Leben längst aufgegeben, weil die, die man fragte, sowieso nie Englisch sprachen. Und sich auf eine ewige Zeichen/Mimik-Diskussion einzulassen, vermied ich am liebsten, weil es nur für Interesse der Umstehenden sorgte – kein behilfliches Interesse, sondern ein beschauliches. Und das wollte ich bekanntlich schon paranoid im Keim ersticken.

Merrie war das zweite Mal in Indien, sie schwamm wie ein Fisch im Wasser von einer Situation zur nächsten, bis wir endlich im richtigen Zugwagen in der richtigen Abteilung auf den richtigen Plätzen saßen. Die Zugbeschriftung war nur teilweise in den für uns leserlichen arabischen Buchstaben vorgesehen...

Unsere Plätze bestanden quasi aus ganzen Bänken, die leicht gepolstert waren. Da wenig los war, hatten wir die ersten drei Stunden jeweils eine Bank für uns.

Zurücklehnen. Sich schaukeln lassen. Durchatmen. Grünes sehen. Die Sonne im Fahrtwind ins Gesicht scheinen lassen. Eindösen. Den Lärm vergessen. Den Gestank, den Rauch vergessen. Frische Luft. Schaukeln.

Später wachte ich auf. Betrachtete die Landschaft. Und dankte Merrie im Stillen, dass sie mich für ein paar Tage aus Calcutta entführte. Denn ich merkte plötzlich, wie körperlich gestresst ich war, wie gut es tat, mal wieder nichts zu tun, in dieser Hitze.

Bald bekamen wir doch Gesellschaft. Ein Vater und seine Tochter setzten sich uns gegenüber, nachdem Merrie sich mit auf meine Bank gesetzt hatte. Die Tochter war nett. Sie sprach Englisch und erzählte uns während der kommenden fünf Stunden ab und zu aus ihrem Leben. Nicht aufdringlich. Ihr Vater sprach kein Englisch und schaffte es, Merrie und mich eine halbe Stunden lang ohne Unter­brechung anzuschauen, während wir lasen oder dösten. Jetzt war sogar Merrie leicht genervt.

Unser Ziel war zunächst Bhubaneshwar. Hier übernachteten wir eine Nacht in einem Zimmer mit Fernseher – hipp hipp hurraaa, MTV Asia! Nun kommt eine Nebenbemerkung am Rande: wenn ich Soziologie studieren würde[39], würde ich eine Arbeit darüber schreiben, welche Videoclips aus dem Westen im indischen Fernsehen gezeigt werden und welche nicht. Noch spannender ist die Frage, welche der westlichen Clips, die hier ausgestrahlt werden, „zensiert“ werden. Zum Beispiel lief hier „La Vida loca“ von Ricky Martin. Aber die tanzenden Mädchen, die normalerweise in diesem Clip zu sehen sind, wurden durch tanzende indische Mädchen ersetzt. Die Inderinnen wurden dort hineingeschnitten, wo die „echten“ Girls zu viel Bein zeigten oder zu anzüglich tanzten. Wirklich interessant. Das gleiche passierte mit „Mariah“ von Santana – ich erkannte den Clip fast nicht wieder.

Erst am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Bus etwa 1 ½ Stunden weiter nach Puri.

Auf dieser Busfahrt bekam ich das erste mal Einblick in das Leben auf dem Lande. Die Straßen waren nicht geteert, es waren, sobald wir durch die kleinen Städtchen tuckerten, Tiere auf der Fahrbahn. Es gab sehr wenige Autos, eigentlich nur Busse, und die Straße, auf der wir durch die Orte fuhren, schien immer die einzige breite, befahrbare Straße zu sein. Direkt am Straßenrand begann schon der Dschungel, weiter als 20 Meter konnte man nicht durch die Pflanzen hindurchsehen. Holz- oder Lehmhütten versteckten sich unter den Bäumen. Wenige Menschen waren unterwegs. Kamen wir an Stellen vorbei, an denen der Wald sich lichtete oder ganz verschwand, sahen wir, wo die Menschen steckten: auf Feldern. Reisfelder, Gemüse­felder. Frauen leuchteten in ihren Saris, Männer arbeiteten mit nacktem Oberkörper, auch Kinder waren dabei. In Gruppen oder Reihen oder alleine standen sie mit gebeugtem Körper inmitten kniehoher Pflanzen.

Trotz der Beklemmung, die bei diesen Bildern nach mir griff, schlich sich ein Wort für deren Beschreibung in mein Gehirn: Idylle.

Auf so was kommt auch nur ein Westler!

In Puri nahmen wir uns ein Hotel am Strand mit Blick auf´s Meer – klar, erst nachdem wir unseren Fahrrad-Rikshaw-Fahrer davon überzeugt hatten, dass unser Wunschhotel nicht geschlossen hat und, nein, dass wir wirklich nicht in das Hotel im Zentrum wollen, das doch viel toller sei...

Auf dem Weg zum Hotel offenbarte sich sofort der große Unter­schied zwischen einer kleinen Stadt und Calcutta: hier gab es Kühe! Überall. Auf Müllhalden – nach Resten suchend – in Haus­eingängen, auf Tempeltreppen, vor Banken, mitten auf den Straßen und neben Geflügelschlachtbuden. Sie waren sehr klein, nur etwa so hoch wie Shetlandponnies. Und irgendwie süß.

Außerdem waren die Straßen viel enger. Und es gab keine am Boden wartende nackte oder in Lumpen gekleidete Menschen, sondern jeder war beschäftigt. Als eine der wichtigsten Hindu-Pilgerstädte war Puri reich, schon die Rikshaw-Preise waren doppelt so hoch wie in Calcutta.

Jetzt überlege ich gerade, was wir in Puri vier Tage lang gemacht haben – nichts Spannendes im Prinzip. Zeit haben. Von unseren Betten aus auf das Meer gucken. Lesen. War schon (nach Storm und Schiller) bei E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann) angekommen. Wenn das mal keine adäquate Lektüre war!

Lange zu Abend essen – Pfannenkuchen! Immer im gleichen Restaurant, das noch näher am Meeresufer stand als unser Hotel.

Anderen weißen Touristen lauschen. Z.B. dem etwa 50jährigen, verwegen aussehenden Engländer, der mit dem indischen Restaurantbesitzer oft zu tuscheln pflegte und z.B. mit rauchiger Stimme genüsslich erzählte, die schlimmste Stadt in Indien sei „Mumbaiii“ (Bombay, die modernste Stadt). Merrie meinte, der Typ sei ein Drogendealer.

An einem Tag machten wir getrennt, d.h. jede reiste allein, bei einer gebuchten Touri-Fahrt mit, auf der wir in und um Puri herum viele hinduistische Tempel zu sehen bekamen. Z.B. den Konarak Tempel, der von ganz unten bis ganz oben und wirklich auf jedem Quadrat­meter mit Figuren im Stein übersät ist, die sich nach allen Regeln des Kamasutra lieben. Er war im 13. Jh. gebaut worden, um die Bevölkerung zu mehr Fruchtbarkeit anzuregen (so zumindest die Behauptung meines Führers). Wohin sowas nur führen kann... schon komisch, den Tempel in einem Land zu einer Zeit zu besuchen, in der Sex noch eines DER Tabuthemen ist.

Auf diesem Tagestripp – während dem ich in einem Bus voller indischer Touristen reiste – bildete sich eine Gruppe junger Studenten (lauter Männer) ein, auf mich aufpassen zu müssen. War ja ganz lustig auf den Fußmärschen um die Tempel herum, aber im Bus... im Bus! Laberten sie mich zu. Einer nach dem Anderen. Und hörten nicht auf. Und ich konnte nicht weg. Where do you...? What do you…? What did you pay for the ticket? Do you like…? How is it…? Und der eine sprach so schlecht englisch, dass ich seine Fragen nicht verstand. Doch auch wenn ich gleichgültig mit den Schultern zuckte, hakte er so lange nach oder bat einen seiner Freunde um Hilfe, bis ich ihm geantwortet hatte...

Am Strand von Puri waren wir nur einmal. Zugegeben, ich habe selten einen so langen und schönen Strand gesehen. Aber wer sich nun vorstellt, dass wir uns in Bikinis auf Handtücher geflätzt und uns in die Fluten gestürzt haben, irrt.

Denn kaum saßen wir im Sand und hatten uns unserer T-shirts entledigt (nicht der Röcke), kamen zufällig vier Schmuckhändler vorbei, ganz zufällig. Sie wollten uns Perlen- und Muschelketten verkaufen. Das wollten sie so sehr, dass sie ihre Ware nicht nur kurz vor uns ausbreiteten, sondern dass sie sich gemütlich neben uns in den Sand hockten (nach dem Motto „Wir haben Zeit“) und uns, trotz Gegenwehr, ihre Ketten einfach um die Hälse oder die Handgelenke legten.

Nach fünf Minuten standen Merrie und ich auf und gingen. Zwei ließen sich abschütteln, zwei hatten noch nicht genug. Gingen einfach neben uns her und quatschten uns über den schönen Tag zu. Als wir uns wieder hinsetzten und betonten, dass wir unsere Ruhe haben wollten, waren sie eine Zeit lang still und genossen die Aussicht – nein, nicht auf´s Meer – auf unsere Bikinis. So lange, bis zumindest ich mir mein langes T-shirt wieder anzog und meinerseits die Wellen beobachtete. Bald ging es jedoch wieder los „nur 40 Rupees für diese Kette“. Merrie sagte kalt: „Give me two for 20 Rupees and piss off“[40]. Nach längerem Hin und Her hatte Merrie zwei und ich drei Ketten am Handgelenk baumeln und wir waren von den Händlern erlöst. Man bedenke jedoch: wir waren von den beiden erlöst, nicht von denen, die uns von Weitem gesehen hatten und sich bereits auf dem Weg zu uns befanden. Da wir weit und breit die einzigen Touris waren – es war gerade Nebensaisson – beschlossen wir einfach, dass es Zeit sei, im Hotel ein Mittags­schläfchen zu machen. Und flohen.

Mit gesenktem Kopf dem schönen, leeren Strand nachtrauernd.

An einem der Abende informierte Merrie mich darüber, dass sie heute bei dem Dorfoberhaupt eines Fischerdörfchens zu Abend essen würde und dass ich gerne mitkommen könnte. Dieser „Häuptling“ sei einer der unaufdringlichen Händler gewesen, und er hätte ihr praktisch unbemerkt tollen Fisch und nebenbei auch „Gras“ versprochen. Aha, die kleine Merrie!

Bin ja für jeden Spaß zu haben. Als es dunkel war, gingen wir in das Fischerdorf, das nur fünf Minuten von unserem Hotel entfernt war.

Es war gespenstig. Nach dem, was ich erkennen konnte, schmiegten sich etwa 30 Strohhütten um einen rechteckigen Dorfplatz, auf dem sich wohl normalerweise (tagsüber), das Leben der Fischerfamilien abspielte. Doch jetzt war es dunkel, nur der Mond leuchtete, und in seinem Schatten brannte eine kleine Glühbirne an einer Hütte. Ich begriff: hier gibt es keinen Strom, außer in diesem einen Haus. Es war auch völlig still, obwohl es erst 19.00 Uhr war.

Merrie ging zielstrebig auf die Glühbirne zu und rief leise „hello“. Ein recht stämmiger Mann trat uns entgegen, begrüßte uns freund­lich und lud uns in sein Haus ein. Sieben kleine und mittelgroße Kinder spielten leise in dem einen Wohnraum, genauso viele junge Katzen sprangen uns in dem „Garten“ – hinter dem Wohnraum – zwischen den Füßen herum. Hier nahmen wir (nobel nobel) auf weißen Plastikstühlen Platz, und nicht auf dem Boden, wie es eigentlich anzunehmen war.

Der Fischer stellte uns seine Frau vor. Sie hatte einen abgetragenen Sari an und tiefe Furchen unter den Augen. Dennoch sah man ihr an, dass sie höchstens so alt war wie ich, auf keinen Fall älter. Und dass sie hübsch war.

Sieben Kinder, die im Wohnzimmer spielten. Die Frau sah uns kurz an, setzte sich sofort auf den Boden in dem halboffenen Raum, der ihre Küche war, und begann, einen Fisch zu bearbeiten.

Währenddessen unterhielten wir uns mit ihrem Mann, bzw. Merrie unterhielt sich mit ihm und strich irgendwann ein kleines Plastik­tütchen mit braunem Inhalt ein. Dann kam der Fisch.

Der Fisch? Die Fische! Wir bekamen jeweils zwei riesige „normale“ Fische vorgesetzt sowie noch eine Riesenkrabbe. Wow! Sie rochen super. Und schmeckten... so gut, dass ich eigentlich nie wieder Fisch essen kann, um die Erinnerung an diesen Geschmack nicht zu löschen.

Als wir fertig waren, bekamen die Kätzchen die Reste und der Fischer schenkte uns zwei Haifischzähne von einem Hai, den er vor kurzem erlegt hatte. Wir entlohnten ihn reichlich für seine Mühen und entfernten uns schweigend aus dem kleinen, stillen Fischer­dörfchen.

An einem anderen Abend machte ich das erste Mal einen richtigen Handels-Coup. Es war schon spät, wieder mal war ich an einen Händler geraten, ohne es eigentlich zu wollen, mitten auf der Straße. Gut, wenn er etwas verkaufen wollte, dann aber saftig – mit dieser Art Rachegedanken ging ich an die Sache heran, ich wollte es ein­fach irgend einem von diesen Händlern zeigen. Durch die vielen Beobachtungen, die ich bei Monica und Merrie gemacht hatte, fühlte ich mich auch endlich stark genug, diesen Kampf aufzunehmen. Es war mir nahezu egal, um welche Ware es ging – glücklicherweise handelte es sich um wunderschöne kleine, handgemeißelte Ganesha[41]-Figuren aus Speckstein. Merrie hatte bereits zwei Exemplare davon gekauft.

Etwa 20 Minuten dauerte der Handel. Mit allen Tricks hatte ich gearbeitet: abschätziges Umherdrehen, uninteressiertes Zurücklegen, finden von Fehlern bei der Ware, abwinken, schimpfen, sich umdrehen und weggehen, zurückgerufen werden, einen besseren Preis genannt bekommen, damit nicht zufrieden sein, für diesen Preis schließlich noch zwei andere tolle Handarbeiten dazu­bekommen... undsoweiter undsoweiter. Schließlich ging ich mit zwei vollen Plastiktüten zurück zum Hotel und hatte für eine vergleichbare Speckstein-Arbeit etwa ein Drittel von dem gezahlt, was Merrie gezahlt hatte. Trotzdem hinterließ diese Handlerei bei mir einen schalen Beigeschmack. Denn rechnen konnte ich immer noch und wusste, um was für Spottpreise es ging. Nötig hatte ich das Handeln als Weiße nicht, doch ich wollte mir auch nicht auf der Nase herumtanzen lassen.


Das war Puri im Groben, mehr gibt es nicht zu erzählen. Die anstrengende Rückfahrt, bei der wir Mädels immer wieder von geschwätzigen Männern angequatscht wurden, erspare ich Dir einfach. Traurig war hier allerdings die Erfahrung, was passiert, wenn man einem Kind Geld gibt, das vor einem auf den Knien den Boden fegt. Merrie tat es. Ohne daran zu denken, dass die kleinen Freunde des Jungen dies sahen und auch zu uns kamen, um auch Geld zu bekommen. Der erste „Feger“ war sofort weg, doch nun belagerten uns vier weitere Jungen und streckten uns ihre kleinen Hände entgegen. So lange, bis aus dem ganzen Abteil Erwachsene zusammenkamen und abwechselnd die Kinder als auch uns an­schrieen, sie sollten verschwinden und wir sollten nicht so dumm sein, ihnen Geld zu geben. Drei Jungen flohen. Einer blieb. Bis zwei Zugsoldaten kamen und ihn endgültig wegschickten. Die Blicke, die sie dabei uns zuwarfen... schaudernd blickten wir entschuldigend in die Runde. Fühlten uns wie dumme, nichtwissende, ignorante Weiße.

Brief an meinen Freund (Auszug)

„Ob ich nochmal nach Indien fahren würde? Keine Ahnung, im Moment eher nicht. Auf jeden Fall nicht allein und am besten nur mit mindestens einer männlichen Begleitung!

Zitat Merrie: „That makes such a difference!“[42] Nicht, weil das Reisen als Frau gefährlich ist, sondern weil man mit einem Mann daneben einfach mehr Ruhe hat. Man wird nicht so oft von den englischsprechenden männlichen Indern in ein Gespräch gezwungen, weil man ja offensichtlich mit seinem Ehemann reist – und verheiratete Frauen einfach vollzulabern, ziemt sich nicht. Auch kann ich mir vorstellen, dass ein Mann den Indern (z.B. im Zug) sagen kann, dass sie das Glotzen sein lassen sollen.

So, als Frau, bringt das nichts, sie tun´s einfach.

Das ist auch schon der Grund, weshalb ich so ein bisschen die Nase voll habe, durch die Straßen zu gehen... manche, z.B. Merrie, gewöhnen sich daran, immer angestarrt zu werden und die vielen und lauten „Hello´s“ zu ignorieren, aber ich wohl nicht.

Es ist irgendwie, ich habe das Gefühl, hier nicht richtig Frau sein zu können...

Wenn die mich so schon gut finden, wo ich echt wie ein Kar­toffelsack rumlaufe, brauch ich mich echt nicht irgendwie hübsch anziehen oder mich lässig bewegen – und das macht doch so viel Spaß. Hier wird mir dagegen von gleichaltrigen Studentinnen empfohlen, welche Kleidungsstücke ich wo anziehen kann und wo nicht!

Z.B. habe ich mir vor einer Woche im Beisein von Faizah, einer AIESECerin, ein süßes Oberteil gekauft, das echt total brav ist –kein Ausschnitt und ellenbogenlange Ärmel – aber: es ist kurz, d.h. man könnte den Bauchnabel sehen, und es ist enganliegend, also:

„Don´t wear that in the busses or in the streets!“[43]

Gut, dass ich nicht rauche! Das wäre absolut tödlich! Merrie verschwand dazu immer in´s Klo (z.B. im Zug) oder sie tat es nur im Hotelzimmer, denn: rauchende Frauen haben ein schlechtes Image, sind fast schon Huren. Tatsächlich raucht kein indisches Mädchen, das ich kenne. Was passieren kann, wenn man es, z.B. im Zug oder auf offener Straße, doch tut, beweisen zwei Holländerinnen, die ich hier mit den AIESECern getroffen habe. Im Zug hockten sich ständig Männer neben sie, die fragten „Where are you from? What´s your name? What about Sex?”[44]

Echt krass, so ist es ihnen zwei Monate lang ständig ergangen! Reine Dummheit, sich darüber vorher nicht informiert zu haben!!!

Woche 6

Montag

Die Iren sind weg, nach Hause gefahren.

Bryan hatte es tatsächlich noch geschafft: Muhammad konnte bis 20 zählen!

Sealdah, der Bahnhof, war heute knietief überschwemmt. Das war es, womit ich Calcutta bis zu meiner Reise immer verbunden hatte – Überschwemmungen. Das Wasser kam zwar nicht bis zur Schule und ist auch nicht in der Gegend meines Hauses zu sehen, obwohl diese Gegend angeblich sehr gefährdet ist, doch...

Chaos ist gar kein Ausdruck. Alles, was hier gerade passiert, ist Chaos, Anarchie... beim Schein eines Teelichtes sitze ich unterm Moskitonetz, weil seit 2 Stunden Stromausfall ist. Konnte nicht kochen, mümmelte den Rest des Weißbrotes und Kekse, hörte den Lion King (Filmmusik aus Disney´s „König der Löwen) an, mir traten Tränen in die Augen – die Flamme durch das Netz, afri­kanische Trommeln, das indische Bettuch, mit einem Schlag hatte ich die Musik verstanden... die Kinder, das Leben, bunt, laut, Freude, Leid, Dreck, dunkelbraune, pechschwarze Augen, Lächeln, für sie war die Musik geschrieben worden, sie standen dahinter... ein Loch in meinem Herzen ab jetzt, wenn ich diese Musik höre.

Zeit muss gehen, erst einmal zurück sein und alles ist wie vorher.

Hoffe ich und fürchte mich davor.

Mittwoch (Woche 6)

Als Monica mir heute auf einer Bank gegenüber saß und mir dabei zusah, wie ich Little Shennaz beim Zahlenschreiben zusah, guckte sie mir eine ganze Zeit lang intensiv in die Augen und grinste. Ich schnitt Grimassen, damit sie aufhörte, doch sie grinste nur immer breiter. Dann kam ein „You look so beautiful“[45]. Aha, verdeppeln kann ich mich selber, dachte ich und ließ auch irgend einen Spruch los; ich meine, diesen Satz habe ich mehr als satt und von den ganzen kleinen „regulären Loretos“, die mich gar nicht näher kennen, bestimmt 1000mal im Vorbeigehen auf dem Schulhof schon gehört... trotzdem hielt Monica daran fest und starrte mich extra weiterhin an, bis ich sie fragte, was das soll, warum ganz Calcutta die armen Europäer, in diesem Fall: mich, immer anglotzt. Die Lösung einfach und plausibel: weil ich manchmal grünliche Augen habe, was sie hier „Katzenaugen“ nennen. Und die anderen Weißen haben stechend blaue Augen, auch selten in dieser Gegend. Monica erklärte, wann immer die Calcutter einen „Stranger“[46] im Bus oder auf der Straße sähen, drehten sich alle gleichzeitig um, um dessen schöne Augen zu bewundern. Nicht nur das!

Brief an meinen Freund (Auszug)

„Nein, Calcutta ist keine Stadt, die an weiße Touristen gewöhnt ist! Es gibt sie, aber sie wohnen meistens alle ghettomäßig in wenigen, benachbarten Straßen, z.B. in der Sudder Street, wo die Iren gewohnt haben. Echt faszinierend, als ich mal hier mit den Iren Essen war und in dem Restaurant gleich noch drei andere Weiße gesehen habe, bin ich fast aus dem Häuschen geraten! Du kannst es Dir wohl nicht vorstellen, aber die ganze zeit nur unter Indern und ewig mit dieser Aufmerksamkeit („Hello, Miss, Hello“ wo ich gehe und stehe)... da war diese Ansammlung von Europäern wie Balsam auf der Seele! [...]

Donnerstag (Woche 6)

Heute habe ich meinen kleinen Recorder in die Schule mit­genommen, um Puja beim Singen aufzunehmen. Sie hatte mir schon öfter etwas vorgesungen – bengalische Volkslieder oder Songs aus den populären „Hindi-Filmen“. Natürlich war es nicht möglich, nur Puja in die stille Bibliothek der Schule zu entführen. Monica und Ruma kamen einfach mit, um zu sehen, was ich mit Puja vorhatte. Als Puja drei oder vier Lieder gesungen hatte, wollten die anderen beiden Mädchen auch.

Es war toll. Wenn man einigermaßen musikalisch interessiert ist, ist die Rhythmik und die Technik, wie die Mädchen ihre Stimmen bei manchen Passagen „schleifen“ lassen, faszinierend. Wahnwitzig sind ja auch ihre Stimmen an sich: alle drei (9-17 Jahre alt) haben so tiefe, z.T. „angekratzte“ oder „rauchige“ Stimmen, wie man es sich bei Kindern gar nicht vorstellen kann. Nicht nur die drei hören sich übrigens so seltsam an, sondern praktisch alle Loreto-Kinder, die ich kenne und die älter als 8 Jahre sind. Des Rätsels Lösung ist mal wieder die Luftverschmutzung, die bekanntlich die Atemwege und anscheinend auch die Stimmbänder angreift.


Woche 7

Die Überschwemmungen sorgen in den Lokalzeitungen (die ich mir seit Neuestem regelmäßig kaufe) jeden Tag für Bilder von obdach­los gewordenen Bauern aus der Region oder sogar für Tote. Ob diese Bilder auch im Westen zu sehen sind? Hier ist es auf alle Fälle jeder gewohnt, jedes Jahr das gleiche Unglück. Dieses Jahr schien es sich von den Verlusten her noch im Rahmen zu bewegen.

Kleiner Ausflug in die Politik:

In den Monaten bevor meine Reise losging (also ca. im Frühjahr 2000) herrschte in Deutschland die Inder-Euphorie. Die Regierung hatte soeben die Greencard für qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland eingeführt, die deutsche High-Tech-, Internet- und Computerbranche hoffte auf Informatiker – vor allem aus Indien. Doch die Resonanz aus dem Ausland hat sich bis zu meiner Abreise in Grenzen gehalten, vor allem von den wenigen Anfragen aus Indien war man enttäuscht.

Wenn man von der schwierigen Ausbildungssituation in den meisten Teilen Indiens absieht (schlecht ausgestattete Schulen u. Unis etc.), haben mir die Gespräche zu diesem Thema mit Vaebhav, Arvind und anderen AIESECern gezeigt: sie wollen gar nicht lange in´s Ausland.

Sicher, alle haben DEN Traum, einmal Europa zu sehen und vielleicht für längere Zeit dort oder im Amiland zu arbeiten. Die AIESECer betonen aber immer, dass sie dies nicht auf Dauer vorhätten. Vielmehr möchten sie gerne bei bekannten Firmen wie Siemens (übrigens in einem Vorort von Calcutta vertreten!) oder IBM arbeiten und das Geheimnis, die Arbeitsweise der erfolgreichen West-Firmen erkunden, um dann nach Indien zurückzukehren und mit dem neuen Wissen dem eigenen Land zu nützen.

Zurückkommen ist der springende Punkt, Patriotismus kein Schimpfwort, schwärmerischer Glanz in den Augen bei der Rede von „great India“ ein Muss.

Spannend ist auch das Statement einer 24jährigen Ex-AIESECerin, die gerade mit ihrem Studium fertig ist: „Mein Bruder sucht zur Zeit einen Ehemann für mich aus.“ Sie hat Glück, denn ihr Bruder ist ein Netter, der sorgfältig jemanden aussucht, der zu ihr passt. Ob sie nach der Heirat, die in wenigen Monaten sein soll, ihrem Studium gemäß arbeiten wird, steht noch nicht fest, es wird an ihrem Mann liegen. Dieses Mädchen ist niemand, der bzw. die noch nicht über den Tellerrand geblickt hat...

Im Winter 99/2000 hat sie ein sechsmonatiges Praktikum bei der Deutschen Post in Düsseldorf abgeleistet.

Monica fragte mich neulich, „Why do you have to go?“[47]

Eine gute Frage. Meine Antwort, einfach und ohne Schnörkel: „Wegen meines Freundes und meiner Familie. Und außerdem, weil ich es nicht länger aushalte, immer die Exotin zu sein, die betatscht wird. Ich möchte mich wieder frei bewegen können.“

Zu niemand anderem hier wäre ich so ehrlich gewesen, aus Rück­sicht, da ich ja weiß, wie stolz jeder auf seine Stadt ist. Doch Monica hätte jegliche Floskel durchschaut und wäre mir ernsthaft böse gewesen, wenn ich ihr in Bezug auf den Grund, warum ich nicht hier bleiben kann, nicht die Wahrheit gesagt hätte.

Dienstag (Woche 7)

Unter Ihresgleichen

Seit gestern habe ich weibliche Gesellschaft in Loreto und sogar in meinem Zuhause! Ein 19jähriges Mädchen aus Belgien, Magali, kam an, wird bis Samstag auch unterrichten und bei mir wohnen, dann zurück nach Belgien fliegen. Lustig ist, dass sie von Geburt aus Inderin ist und natürlich wie eine Bengali aussieht, aber eben in Belgien adoptiert wurde und aufwuchs. Und sie weiß NICHTS über Indien, nicht mal, dass das Rauchen als Frau nicht so angebracht ist. Und, obwohl sie (mit Freunden) bisher 3 Wochen in Nepal und Darjeeling war, hat sie bisher noch nicht mit den Händen gegessen... auf deutsch: es ist äußerst lustig, einer Frau, die aussieht wie eine Einheimische, alles zu erklären – das Taxifahren, Handeln, Bus­fahren, das Rauchen, die ersten Bengali-Sätze, Gewohnheiten der Calcutter, Heiratspraktiken...

Als wir zum Beispiel auf dem Markt in der Nähe der Schule Obst einkauften, sprach der Händler immer mit Magali (auch wenn er sie wegen ihrer westlichen Kleidung genauso durchlöcherte wie mich). Diese reagierte in keinster Weise, wartete immer auf das, was ich tat. Ich nahm die Birnen in die Hände und drehte sie herum, doch der Händler redete auf Magali ein, was es für ein toller Preis sei. Ich machte das Spiel mit, sagte Magali immer vor, was sie sagen sollte („no good, too old, too small“[48], etc.etc.). Als der Deal perfekt war, zahlte Magali und nahm die Tüte mit den Birnen entgegen, während ich zum Händler gewendet das typische Kopf-zur-Seite-dreh-„Danke“ machte. Erst jetzt sah der Händler mich richtig an und war sichtlich irritiert – diese Geste hatte er von Magali erwartet, nicht von mir.

Magali sagte mir später, sie hätte sich bereits gewundert, dass ich dieses „Kopfschütteln“ immer und überall anbrachte, so wie eben alle hier, und ob ich wüsste, dass ich es tue. Tatsächlich war es mir nicht ganz so bewusst gewesen.

Durch sie fällt mir auf, wie viel ich inzwischen weiß... auch kleine Dinge, z.B. dass man zum Schneuzen der Nase auf die Toilette geht...

Gerade sitze ich im Lehrerzimmer, wie immer zwischen 14.00 und 16.00 Uhr, und werde von 3 Lehrerinnen gefüttert. Auch Theresa, die Social Workerin, die tagsüber auf die Rainbows aufpasst, sitzt dabei und soeben hat sie gefragt, was ich tue, und ob ich sie auch erwähne. Dann haben wir uns kurz über die Nazis unterhalten, kein typisches Thema, dann über Theresas Affäre mit einem Priester, die damit endete, dass Sister Cyril den falschen Brief öffnete und las, dann über die peinlichsten Volontäre aus den letzten 14 Jahren. Ups! Zwei, die es 1988 im Lehrerzimmer auf dem Tisch taten, zwei Mädchen aus Australien, die in ihrem protestantischen Hostel mit Jungen in der Badewanne erwischt wurden... das ist eher das typische Thema, über das man mit Theresa spricht, immer lustig, sarkastisch, energiegeladen. Sie, mit ihrem ziemlich versauten Humor, ist allerdings keineswegs eine typische in­dische Frau.

Mittwoch (Woche 7)

Heute morgen, als ich mit Magali zum Bus ging, vorbei an der Müllhalde, war der kleine Hund tot.

Es ist das erste Mal, dass ich ihn „Hund“ nenne, davor war er der Köter, der für mich wie das Sinnbild für diese Stadt war – räudig, voller Wunden, ausgemergelt, nicht einmal Kraft für Hunger übrig.

Er lag auf der Seite, wie so oft, doch über seiner Schnauze und seinen Augen lag ein dreckiges rosa Tuch. Ist das Sitte? Ist es ein Zeichen von Respekt für das tote Lebewesen oder ist es nur das Zeichen für die Müllarbeiter: „der ist tot, nehmt ihn mit“? Ich weiß es nicht, doch ich versuche mich damit zu trösten, dass dies die erste Aufmerksamkeit im Leben dieses Hundes ist. Jetzt, wo er tot ist.

A sheet over his eyes. A dirty, pink old sheet on his little head, lying on black concrete. The first kind of attention in his life. Now that he is dead[49].

Bis vorhin, 1 Uhr nachts, haben Magali und ich gequatscht. Sie ist, ich kann es nicht anders sagen, genau wie Monica ein ganz be­sonderer Mensch. Auch bei ihr habe ich das Gefühl, sie lange zu kennen und ihr bis ans Ende der Welt vertrauen zu können. Unsere Unterhaltungen sind witzig – immer wenn sie mit Englisch nicht weiterkommt, sagt sie es auf französisch, und wenn ich es trotzdem nicht verstehe, zückt sie ihr Lexikon... oder ich das meine...

Ihr ist auch Monica in der kurzen Zeit sehr an´s Herz gewachsen, so dass wir am Ende des Abends beschlossen haben, ab jetzt monatlich zu sparen, um Monica in 1 ½ Jahren das College finanzieren zu können. Auf das sie sonst nicht gehen könnte, da ihre Mutter schon fast alle wertvollen Dinge, die sie früher besaßen, für das tägliche Leben verkauft hat.

Donnerstag (Woche 7)

Abends sonderten Magali und ich uns von den Rainbows ab und zogen Monica mit in die Bibliothek, wo es einsam ist. Monica saß zwischen uns. Ich übernahm das Wort und erklärte ihr, was wir vorhaben: sie auf´s College schicken. Sie war gerührt, sagte erst nicht viel, umarmte uns.

Man sah ihr an, dass dies ihr größter Wunsch war, doch gleichzeitig kämpfte es in ihr: kann sie uns trauen? Werden wir Wort halten? Oder werden wir, wie die meisten anderen Trainees, nie wieder von uns hören lassen? Ihr Zweifeln tat mir weh, doch ich wusste, dass es Zeit brauchte, bis sie mir voll vertraute, und Zeit würden wir haben. Ein Leben lang.

Ich hatte das Gefühl, das erste Mal etwas uneingeschränkt Richtiges zu tun.


Samstag (Woche 7)

Magali flog ab. Sie fehlt mir.

Wiedergefunden

Ruma lächelte.

Ruma lächelte. Heute habe ich beobachtet, wie Ruma einer der Fünfjährigen nachrannte. Sie spielten Fangen. Als Ruma die Kleine erwischt hatte, wehrte sich diese, indem sie Ruma unter lautem Gekreische kitzelte. Und Ruma lächelte. Mehr, sie fing an, die Kleine zurückzukitzeln und immer lauter zu lachen. Das Eis war gebrochen, das Lachen war echt.

Die beiden düsten weiter und ich dachte mit etwas Wehmut daran, wie Ruma in ihren ersten Tagen an mir gehangen hatte. Je ein­gewöhnter und je mehr Kind sie geworden war, desto weniger war sie an mir gehangen. Jetzt kommt sie nur noch kurzzeitig zu mir, aber nur, wenn ich ihr meine ganze Aufmerksamkeit schenke. Ihr habe ich meine ganzen Bengali-Kenntnisse zu verdanken, da sie mich zwingt, zu lernen. Umgekehrt hat das Lernen allerdings keine großen Erfolge gebracht, d.h. Ruma hat noch nicht viel Englisch gelernt. Denn Theresa und eine Lehrerin hatten herausgefunden, dass Ruma schon etwas Bengali schreiben und rechnen kann. Deshalb war die Order „von oben“ gekommen, dass sie zunächst ihre eigene Sprache und Schrift richtig lernen sollte, bevor sie in Englisch weiter unterrichtet würde.

Übrigens hoffe ich wirklich, dass Rumas seltenes Erscheinen bei mir nicht daran liegt, dass sie eifersüchtig auf Monica ist...

Sonntag (Ende Woche 7)

Im Village

Heute war ich in Monicas Dorf, dem „Village“. Dies war eine geheime Aktion. Sr. Cyril durfte davon besser nichts wissen. Wir trafen uns um 6.45 Uhr vor der Schule, um um 7.19 Uhr den Zug nach „Diamond Harbour“ zu bekommen. Jawohl, ich KANN früh aufstehen, wenn ich will. Taxis fahren auch ab 6.00, also kein Problem.

Monica hatte sich hübsch gemacht, es war ja Sonntag. Auch ich habe einen schönen Salvar angehabt, zum dritten oder vierten Mal. Darin fühle ich mich immer wohler – er ist für das Klima wirklich besser geeignet als Hose und T-shirt! Fast ärgere ich mich, dass ich nicht früher damit angefangen habe, diese hier übliche Klamotte anzuziehen.

Die Zugfahrt war etwas anstrengend, weil sehr gedrängt. Viele Reisende, hauptsächlich Männer, hatten wichtiges Gepäck dabei – keine Koffer, sondern Holzstangen, Körbe voller Kartoffeln, Käfige mit Hühnern etc. etc.

Nach zwei Stunden sprangen wir aus dem Zug und atmeten als Erstes die frische Luft ein. Monica nahm mich an der Hand. So marschierten wir durch das Dorf. Zuerst gab es noch Häuser mit kleinen Essbuden oder Kiosk-artige Läden, bald gab es nur noch Lehmhütten mit Strohdächern. An deren Außenwänden klebten Kuhfladen zum Trocknen. Zwischen den Hütten gab es nur schmale, lehmige Trampelpfade, auf denen man nur noch hintereinander gehen konnte. Die Sonne schien, deshalb war es schwierig, in den dunklen Öffnungen der Hütten etwas zu erkennen. Schemenhaft sah ich Frauen am Boden sitzen und Gemüse schälen, oder Kinder, die mit Küken spielten. Großartige Einrichtungen konnte ich nicht sehen, es schien, als ob in den Hütten nur Matten, kleine Holz­schränkchen und metallenes Kochgeschirr war.

Wir kamen an mehreren kleinen Tümpeln vorbei, in denen Kühe standen und uns anguckten. In einem Tümpel allerdings badete eine Frau. In voller Montur. Teile ihres bunten Saris schwammen an der braunen Wasseroberfläche, wenn sie bis zu den Schultern im Wasser war. Sobald sie sich aufrichtete, um ihre schwarzen, schweren Haare einzuseifen, ging ihr das Wasser nur bis zum Bauch und der Sari klebte eng am Körper.

Monica riss mich aus dem Anblick dieses Schauspiels, indem sie mich am Ärmel zupfte und mir zuflüsterte, dass ich mich umdrehen solle.

Ich glaubte es nicht. Aber hinter uns hatte sich eine etwa 15köpfige dunkelbraune Kinderschar versammelt, die uns andächtig, leise, im Gänsemarsch gefolgt war. Sobald ich mich zu ihnen umgedreht hatte, waren sie stehengeblieben. Ging ich weiter, gingen auch sie weiter. Monica setzte dem bald ein Ende. Sie machte den Kids klar, dass sie nach Hause gehen sollen, denn sie wollte nicht, dass die ganze Horde später vor ihrem Haus stehen würde.

Hier erwartete uns bereits ihre Mutter Suchitra, oder kurz: „Ma“. Auf dem Arm hatte sie einen etwa dreijährigen Jungen sitzen. Nicht ihr Sohn, sondern ihr Neffe, Monicas Cousin. Er lebt bei Ma, weil seine Eltern zu arm sind, um seine größere Schwester und ihn aus­reichend zu versorgen.

Während der herzlichen Begrüßung von Monica und mir (sie nannte mich „big daughter“[50]), hatte sich der kleine Saurab immer ge­sträubt, mir zu nahe zu kommen, hatte sich direkt panisch wegge­dreht, da er ja auf dem Arm gehalten wurde und nicht fliehen konnte. Ich streckte ihm langsam meine Hand entgegen und lächelte ihn an, doch auf seiner Stirn bildeten sich nur skeptische Runzel­falten und je näher ich ihm kam, desto angsterfüllter riss er seine Augen auf, bis er sich wieder wegdrehte. Daraufhin unterließ ich weitere Annäherungsversuche. Monica hatte das Ganze mit einem Grinsen beobachtet und als ich nun am Ende meines Lateins war, klärte sie mich endlich auf: „Er hat noch nie jemanden mit weißer Haut gesehen“. Aha. Ok. Deswegen also auch vorhin die Kinder­karawane. Langsam kam ich mir vor, wie im falschen Film. Ich meine, sowas kennt man aus dem Fernsehen von „Die Götter müssen verrückt sein“ oder ähnlichen Streifen, und sicher träumen viele davon, das auch einmal zu erleben, aber im Prinzip ist uns doch allen klar, dass solche Begegnungen der Vergangenheit angehören.

War es mir bis jetzt auch.

Um diese Situation zu überspielen, gingen wir ins Haus, pardon, in die Hütte, um uns von der Zugfahrt zu erholen. Monica und mir wurde jeweils ein „Haus-Salvar“ verpasst, mit dem wir uns freier bewegen konnten und nicht ständig aufpassen mussten, dass nichts schmutzig wurde. Diese Hütte war recht gut bestückt, es gab zwei Räume, einen richtigen Esstisch aus Holz, Stühle, ein großes Bett, einen Schrank, sogar einen alten Fernseher. Alles dies stammte aus der Zeit vor 10 Jahren, als Monicas Vater noch da war und gut verdiente. Er hatte sich aus dem Staub gemacht und die zwei Frauen haben bis heute nichts mehr von ihm gehört.

Ma kochte. Vor der Hütte hantierte sie mit einer Pfanne und einem Topf aus Metall auf dem Boden. Sie machte Paratha, eine (andere) Art Pfannkuchen. Währenddessen versuchte Monica mit allen Tricks, Saurab davon zu überzeugen, dass ich ungefährlich sei. Sie sagte ihm „This is white Aunty[51]“ und fasste meine Hand an, damit er sie auch anfassen sollte. Doch er stand neben ihr, hielt sich mit aller Kraft an ihr fest und machte keinen Schritt auf mich zu. Seine Augen immer noch weit aufgerissen, seine Lippen aufeinander­gepresst. Noch keinen Ton hatte ich aus seinem Mund vernommen. Dabei versicherte Monica mir, dass er sonst der frechste Junge der ganzen Nachbarschaft sei.

Das Essen. Die Paratha. Das Essen. Der Geschmack. Die Paratha....

und Saurab wurde mutiger, fasste meine Haare an, während ich den Frauen und besonders Monica lauschte, die mir auf Englisch (was weder Saurab noch Ma verstanden) berichtete, was Saurab an meinem Kopf machte...

Ich hätte viel Glück, bekam ich zugeflüstert, denn Paratha gab es sonst nur an hohen Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern...

Gleich nach dem Essen lernte ich die Verwandtschaft kennen. Wir machten uns nämlich nun auf den Weg, die Uroma, den Onkel (Vater von Saurab) mit Familie, die zwei Kirchen (mit Mutter Theresas Bild auf dem Altar) und noch zwei weitere irgendwie verwandte Familien zu besuchen. Überall wurde ich übergebührlich bewundert – Weiße kamen hier nicht oft vorbei – und überall wurden mit viel Sorgfalt in der „ordentlich-dasteh-Disziplin“ Fotos gemacht. Lang blieben wir nirgends, schließlich hatten Monica und ich den Nachmittags-Zug im Nacken, der uns nach Calcutta zurückbringen musste.

Auf dem Rückweg zu Ma´s Hütte geschah das „Wunder“. Saurab ging eine Weile allein neben mir her und hielt mir plötzlich seine kleine Hand hin. Noch schaute er mich weiterhin prüfend an und seine Hand spürte ich fast gar nicht, so ausbalanciert lief er an meiner Seite! Doch bald bekam sein Arm mehr Gewicht, bald hing der ganze Saurab an meinem Arm, bis er nicht mehr gehen, sondern getragen werden wollte. Sieg! Direkt vertraulich saß er nun auf meiner Hüfte, starrte mir ins Gesicht und strich mir ab und zu über das Gesicht, so als ob er testen wollte, ob die weiße Farbe nicht doch wieder abgehen würde, wenn man die Haut berührte...

In Ma´s Hütte machten wir Erwachsenen einen wohlverdienten Mittagsschlaf. Heute war es besonders schwül. Ich lag neben Ma auf dem großen Bett, Monica auf dem Boden neben uns. Beide schliefen schon, Saurab spielte vor der Hütte in der Sonne mit einem Plastikbecher. Der Ventilator über uns drehte sich in unregel­mäßigen Abständen, je nach dem, wann Stromausfall war und wann der Strom für einige Sekunden wieder da war. Ich lauschte. Obwohl die Türen der Hütte als auch das Fenster des Schlafzimmers offen waren und in nächster Nähe Nachbarn waren, hörte man nichts. Nur die Blätter der Bananenstauden im seichten Wind rauschen. Und den Ventilator. Hie und da ein Vogel, der schrie. Keine Rikshaws, keine Autos. Keine Autos. Kamen hier wohl tatsächlich nicht hin? Hätte ewig so liegen können.

Am Ende des Tages war Saurab wieder völlig normal, machte Faxen, ärgerte Ma, erzählte mir alles Mögliche auf Bengali... Kinder sind erstaunlich!

Um 18.00 traf ich an der St.Paul´s Cathedral Ritesh, den ich in der ersten Woche am Victoria Memorial kennengelernt hatte. Ein Bild, das sich mir einprägte (Ritesh kam aus irgend einer kleineren, nicht so armen Stadt wie Calcutta): bettelnde Kinder, die nicht von Ritesh abgewiesen werden, wie von Arvind oder Vaebhav. Zumindest nicht auf die rüde Art. Ritesh sah sie mit ganzer Aufmerksamkeit an, strich ihnen zart über Wange und Kinn und sagte ihnen auf Bengali, dass sie nette Kinder seien und dass er sie mag, aber dass er ihnen nichts geben kann. Es schien, als ob das Gefühl, als voller Gesprächspartner von einem „feinen“ Menschen anerkannt worden zu sein, bei den Kindern eine besondere Art von Hunger stillte. Das soll jetzt kein prägnanter Schnulz-Satz am Ende dieses Tages sein, es kam mir wirklich so vor. Denn ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass diese Kinder sofort mit dem Betteln aufhören würden, ohne deprimiert, sondern trotzdem dankbar zu sein.

Um 20.00 war ich dann zum letzten Mal mit Vaebhav verabredet, wir gingen Essen, Spaß, hat mich heimgefahren. Schön!

Woche 8

Montag

Gestern, nachdem ich den Eintrag geschrieben hatte, rief mein Freund an; ich erzählte ihm vom Village und dem schönen Tag gestern und er fragte: „Wer ist Monica?“

Ich stutzte. Was sollte ich nur sagen? Konnte ihm am Telefon nicht so einfach antworten, dass sie ein Mädchen ist, das mein Leben verändert, weil ich sie so gut wie „adoptiert“ habe. Konnte ihm auf die Schnelle nicht erklären, dass es mir vorkommt, als kenne ich sie schon Jahre, wie nah wir uns stehen, wie viel wir schon zusammen „erlebt“ haben und dass sie es ist, um die ich bei der baldigen Abreise trauern werde...

Einfach komisch, so fern und doch nah – und plötzlich, durch die neuen nahen Freunde, Magali und Monica, trennen uns Welten – in meinem Kopf all die Gesichter, Namen, Augen, und er auf der anderen Seite der Weltkugel hat keinen blassen Schimmer von all dem.


Freitag (Woche 8)

Heute, ja, erst heute erfuhr ich Näheres über Ruma und bin immer noch geschockt. Es ist zum Heulen. Eines Tages kam hier – vormittags, als ich die 3. Klassen unterrichtete – eine fette Frau in Begleitung von zwei Jungen ins Haus, wollte sich unter lautem Gezeter Ruma schnappen. Doch die wollte nicht mit. Theresa und Mary bekamen es mit der Angst zu tun, riefen Sister C., und die gab es der Frau gehörig – sie solle verschwinden etc... Danach hat Ruma unter Tränen erzählt, dass sie für die Frau in einem Restaurant gearbeitet hat. Doch dieses sei ein seltsamer Ort, wo viele andere Mädchen „gehalten“ wurden, arbeiten mussten, kein Essen be­kamen, und gezwungen wurden, Drogen zu nehmen, Heroin. Theresa meinte: Bordell. Irgendwie konnte Ruma wohl entkommen – Eltern hat sie keine mehr, wie sie mir ja schon erzählt hatte – und strandete am Bahnhof Sealdah. Dort griffen sie die drei Spanier auf, die sie zuerst zu Mutter Theresa, dann hierher führten.

Mein Eindruck, dass sie Angst vor Männern hat, ist also wahr­scheinlich richtig... ich sehe sie noch am ersten Abend hier auf einer der Bänke sitzen, Bryan gegenüber, der sie längst hätte teachen können, doch sie wollte nicht zu ihm, überhaupt nicht in seine Nähe, was sie mir ein anderes Mal durch eine Geste und finstere Miene klargemacht hatte. Deshalb kam ja auch ich in die Ehre, sie zu teachen, weil ich eine weiße Frau bin, genauso wie ihre spanischen Anti´s.

Sonntag (Ende Woche 8)

Gottesdienst und Abreise

Der letzte ganze Tag.

Liege gerade auf einer Matte oben im Rainbow-Room, es ist Mit­tagsruhe, vor mir schlafen Monica, Protima, Shefali, neben mir hören Ruma und Puja eine meiner Mini-Discs. Es kommt „Wenn du gehst“ (von einer deutschen Band) und sie lieben es – es ist meine Sprache, eine Frau singt und die Musik ist schön – aha, „Henry Lee“ gefällt ihnen auch...

Es ist so süß, ihre leuchtenden Augen zu sehen...

Heute Nacht haben Theresa, Sister Mary und ich bis 3.00 Uhr nachts E-mails gecheckt, weil Sister Cyril um 1.00 Uhr zum Flughafen fuhr (und eine vierwöchige Weltreise antrat), und weil sie ihren Mitarbei­tern das E-mailen normalerweise nicht erlaubt. Theresa schickte prompt eine sehr versaute Mail an einen ihrer angebeteten Doktoren...

Ja, diese Nacht habe ich nicht mehr in „meinem Haus“, sondern in Loreto auf einem Klassenzimmertisch verbracht!

Ach ja, bevor ich es vergesse, der Sinn und Zweck, warum ich heute in Loreto übernachtet habe, war der, dass ich heute morgen mit den großen Mädels in den Gottesdienst gehen konnte. Um sieben Uhr weckten mich Monica und Shefali, dann gab es Frühstück – Paratha mit leckerem Gemüse, dessen Namen ich mir nicht merken kann... warum habe ich hier nicht öfter gefrühstückt, dann hätte ich morgens wenigstens etwas Gescheites bekommen und nicht labberiges Toast mit Erdbeer-Jam!

Ab acht Uhr ging es darum, uns anzukleiden – eine Stunde vor Gottesdienstbeginn. Mir wurde bald klar, warum so viel Zeit dafür angesetzt war, denn zu dieser Gelegenheit holten die Mädchen ihre besten Klamotten, sprich, Saris heraus. Vor Gott wollte man schließ­lich schön sein. Mich wunderte, dass sich auch Mädchen zum Ankleiden anschickten, die keine Christen waren. Sie taten das öfters, versicherten sie mir, denn es sei so schön in der christlichen Kirche und es würde viel gesungen.

Ich staunte. Jede von ihnen besaß einen Sari, und jeder war schöner als der andere. Von verschiedenen Trainees oder reichen Antis spendiert, die hier ab und zu vorbeischauen. Die Mädchen holten auch Schmuck aus den kleinen Plasitktüten, die jeweils ganz unten in ihren Metallboxen verwahrt wurden. Ohrringe, glitzernde Bindis, Armreifen, Hals- und Fußkettchen, Haarspangen... Als der Schmuck angelegt war, kamen die Saris dran. Es war nicht so, dass jedes Mädchen sich selbst „anzog“. Vielmehr bildeten sich Gruppen von jeweils etwa vier Mädchen. Drei von ihnen kämpften mit den langen Saristoffen und legten diese dem vierten um. Eine schwierige Prozedur! Wie lange es wohl dauerte, bis sie im Sari-Anziehen die gleiche Routine haben würden, wie die erwachsenen Frauen, die diesen Stoff tagtäglich trugen?

Nach langem Gezeter und einmal sogar Tränen, weil sich eines der Weibsen nicht gut genug angezogen fühlte, waren alle Mädchen ab 12 Jahren fertig. Etwa 15 Stück. Sie sahen plötzlich so erwachsen und reif aus. Toll!

Auch mich hatten sie in der Mangel gehabt und immer wieder meinen blauen Sari bewundert. Es war einer aus Seide. Monica und Shefali hatten mir vor zwei Wochen geholfen, ihn zum richtigen Preis zu kaufen. Er fühlte sich toll an. Ich hatte noch nie Seide getragen. Plötzlich meinte ich, mich auch anders bewegen zu müssen (oder dürfen?), graziler, würdevoller? Auf jeden Fall lobte Monica mich, weil ich in dem Sari rumlaufen würde, als ob ich das jeden Tag machen würde, denn eigentlich ist es gar nicht so leicht, nicht ständig auf den langen Stoff zu treten und auf die lange Schleppe aufzupassen, die einem über die linke Schulter hängt...

Unser Gang zur Kirche sorgte auf der Straße für echte Aufregung – so viele hübsche junge Mädchen, und dann noch eine Weiße im Sari.

Der Gottesdienst und die Kirche waren ... wundervoll. Kann es nicht anders sagen. Zwar weiß ich nicht, wann ich in Deutschland das letzte Mal in einem Gottesdienst gewesen bin, aber dieses Erlebnis war eine echte Krönung meines Aufenthaltes. Natürlich war ich emotional ziemlich aufgeladen, aber die helle, freundliche Kirche, die festliche Stimmung, die sympathische Predigt und das Singen von wirklich wunderschönen Liedern hätte mich zu jeder Zeit begeistert. Während eines der Lieder linste ich ab und zu zu Monica hinüber. Sie sang mit geschlossenen Augen, hatte einen wehmütigen Zug um den Mund. Ich schaute nach vorne, betrachtete die gespal­tenen Strahlen der Sonne, die auf den mit Blumen geschmückten Altar fielen und versuchte, all dies in mich aufzunehmen, die Wärme, die Melodie, die Gedanken Monicas neben mir. Stumm sang ich mit und stumm zog mir etwas den Hals zusammen.

Puja hört jetzt alleine Disneys „Lion King“, Ruma muss etwas helfen. Ich will heute noch für Ruma die „Box“ kaufen, eine große tragbare Metallbox, in der sie ihre Sachen lagern kann – bisher hat sie nur eine zerfledderte Pappschachtel. Und weil Sister Mary es nicht fertig gebracht hat, Sister Cyril vor deren Abflug nach Geld für die Box zu fragen, müsste Ruma jetzt 4 weitere Wochen auf die Box warten... ridiculous!

Warum habe ich nicht mehr Mittagspausen hier oben, mit den schla­fenden Mädchen, verbracht? Der Ventilator bläst, die vielen Farben der Schränkchen tragen die schweren Boxen, die all die Schätze der Kinder enthalten.

Am Flughafen

Eine ganze Horde AIESECer hat mich zum Flughafen gebracht, wir sind in zwei Autos gefahren, eng gequetscht, Monica und ihre Mutter (die extra aus dem Village gekommen ist) sind auch dabei. Der Abschied von den Kindern in Loreto war schlimm, natürlich. Ruma hat geweint, als einzigste, die anderen haben mich tapfer wie immer bis zum Tor begleitet. Sie sind die Abschiede von Anti´s und Sirs schließlich schon gewöhnt... ich aber nicht, deshalb hatte ich Mühe, mich zu beherrschen.

Auf der Autofahrt haben Indrani und Vishal, der AIESEC-Calcutta Präsident, sich gegenseitig totgelacht, während Monica sich in meine Hand krallte. Sie war so still, ich habe sie noch nicht so gesehen.

Jetzt stehen wir vor der Tür mit den schwerbewaffneten Soldaten und warten darauf, dass die Zeit vergeht. Noch eine halbe Stunde, dann kann ich reingehen. So lange ist noch Zeit, Zeit zu ratschen für die AIESECer, Zeit, vor dem Abschied Angst zu haben für Monica und mich. Sie und ihre Mutter stehen 3 Meter entfernt von der AIESEC-Gruppe, ich komme nicht dahinter, warum... ich springe eine halbe Stunde zwischen den beiden Gruppen hin und her, soll fröhlich bei den einen mitplaudern, bringe bei den anderen kein Wort heraus, dann ist es soweit. Die AIESECer winken wild, ich sehe in sonnige Gesichter, Monicas Mutter sagt leise „Tata!“, zuletzt nehme ich Monica in die Arme, sie sagt „I never saw you not smiling. You try to hide, but I know you are crying inside”. Ich kann nichts erwidern, sie hat recht, und auch sie versucht, sich zu ver­stecken, ich drehe mich um, gehe durch die Tür der finster blik­kenden Soldaten, blicke kurz zurück.

Sehe sie nicht mehr.


After all

Am Ende meines Aufenthaltes waren da...

... das Gefühl, den Weg nach Hause im Taxi wiederzuerkennen

... das Gefühl, mich endlich eingewöhnt zu haben

... das Gefühl, noch immer im tiefsten Kulturschock zu stehen

... das Gefühl, etwas Nützliches zu tun

... das Gefühl, meine Zeit zu verplempern

... das Gefühl, Menschen getroffen zu haben, die einen

    lebenslangen Kontakt wert sind

... das Gefühl, froh zu sein, bald keinen Inder mehr sehen

    zu müssen

... das Gefühl, dass ich jetzt, nach 2 Monaten Calcutta,

    alles erreichen kann

... das Gefühl, dass ich ohne die Hilfe vieler Leute nach

    zwei Wochen aufgegeben hätte

... von denen ich jedoch immer noch nicht sagen kann, ob auch

    nur eines von ihnen die Wirklichkeit kurz gestriffen hat...

Zwei Wochen nach Heimkunft

AIESEC München baten mich, zu einer ihrer Info-Abende zu kommen, wo sie neue Studenten werben, um über mein Praktikum zu erzählen. Natürlich sagte ich zu, es gab nichts, was ich zu der Zeit lieber tat. Ich fand mich im selben Raum der Uni wieder, wo auch ich vor LANGER ZEIT gesessen hatte – genau ein Jahr ist es her – um mir die Möglichkeiten von AIESEC anzuschauen.

Jetzt sah ich Studenten in einheitlich dunklen Klamotten auf Stühlen sitzen und alle sahen sie irgendwie unglücklich aus. Unsicher, unzufrieden, einheitlich modisch und deshalb – krank.

Eine warme Welle durchlief mich, denn mir ging auf: auch ich war krank gewesen, vor einem Jahr. Krank vom dunklen Winter, dem Alltag, vor Fernsucht.

Undeutlich konnte ich mich an dieses Gefühl erinnern, doch ihm war ein anderes gewichen.

Sonne. Zufriedenheit. Ich weiß, wie klischeemäßig das klingt, aber ich hatte diesen Sommer im Kopf und wusste, dass er das gewesen war, was ich gewollt hatte. Mehr noch, er hat mir gezeigt, dass ich gerne nach Hause komme.

PS: Einen Monat nach meiner Rückkehr erfuhr ich, dass Ruma aus der Loreto Schule abgehauen ist. Keiner weiß, wohin. Sie nahm alle ihre Kleider und Habseligkeiten mit. Nur die riesige Metallbox, die ich ihr geschenkt hatte, ließ sie dort.


Nachwort

Die Armut in Calcutta hat mich mehr berührt, als es in diesem Bericht rüberkommt. Doch niemand hätte den Bericht zu Ende gelesen, wenn ich hierüber mehr oder genauer geschrieben hätte. Es ist auch nicht übertrieben, von einem Schock zu sprechen, den ich bekam, als ich am Ende der Reise in der Parkgarage des Münchner Flughafens einen fetten BMW neben einem Audi neben einem Mercedes neben einem Porsche... alle dick und glänzend... stehen sah. Bis heute lebe ich – ohne Witz – in einer Parallelwelt, die sich sofort aufdrängt, wenn ich hier Stätten des Luxus begegne.

Als runden Schluss könnte man nun ein Zitat eines berühmten amerikanischen Schriftstellers einbringen:

„Ich glaubte, es wäre ein Abenteuer, aber in Wirklichkeit war es

das Leben“

(Joseph Conrad)

... was hiermit geschehen ist. Natürlich passt es wie die Faust auf´s Auge, aber es drückt noch zu wenig aus – es klingt in diesem Zu­sammenhang, als ob ich „das Leben“ in Indien gesehen hätte und damit basta. Natürlich ist mir drüben aufgrund der extremen Bilder, die ich jeden Tag gesehen habe, erst richtig klar geworden, was leben bedeutet und wie weit Leben möglich ist.

Aber es hört nicht in Indien auf. Es findet auch hier, in Europa und in Deutschland statt. Natürlich ist es pervers, dass man so weit fahren und teilweise so viel Angst durchstehen muss, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Noch schlimmer ist allerdings, dass man so weit gefahren ist, ohne vorher zu wissen, nach was man sucht – und dass man überhaupt nach etwas sucht.

Letzten Endes muss ich wohl einsehen, dass mein „Auslands­praktikum“ nichts anderes war als der ganz normale Selbst­erfahrungstripp, den ich eigentlich nicht zu machen vorgehabt hatte. Ein Unterschied zu den anderen Erfahrungs-Tripps von „Westlern“ ist vielleicht, nüchtern betrachtet, der, dass er auch einer indischen Familie etwas bringt...

An dieser Stelle möchte ich Mario ganz lieb danken, der sich seit meiner Rückkehr vor sieben Monaten ab und an überlaute Telefon­gespräche mit Monica anhören muss (I´m fine, I´m fine...) und zusieht, wie ich „Liebesbriefe“ nicht an ihn, sondern an Monica schreibe und auch von ihr bekomme...



[1] Thomas Berkemeier: Indien – der Norden. 4. aktual. u. neugestaltete Aufl. Bielefeld: Reise Know-How-Verlag Peter Rump, 2000 (S. 462)

[2] Ein etwa 5m langes Seiden- oder Baumwolltuch, das als Rock um die Hüften gebunden wird. Das Typische daran ist, dass ein Ende des Tuches über die Schulter geworfen wird, dabei die Brust bedeckt und der Frau am Rücken als langer Schleier herunterhängt. Auf den Schleier muss ständig geachtet werden, wenn man etwas “tut” (sich bückt, schnell umdreht etc.). Saris übertreffen sich in der Farbenkombination und Vielfalt. Es gibt ein- u. mehrfarbige, mit u. ohne Muster. Tatsächlich ist jeder ein Einzelstück, man wird in Calcutta keinen Sari zweimal finden. Meistens tragen ihn verheiratete Frauen (nur zu besonderen Ereignissen tragen ihn auch Mädchen, z.B. bei Festen u. Feiertagen).

[3] Auf englisch: naphtalin-balls – wie die aussehen, wusste ich vorher nicht!

[4] Sprache im indischen Bundesstaat “West Bengal” (ca. 60 Mio Einwohner), in dem Calcutta liegt. Da auch in Bangladesh Bengali gesprochen wird und somit etwa 180 Mio. Menschen in dieser Sprache kommunizieren, steht Bengali an etwa zehnter Stelle der meistgesprochenen Sprachen der Welt (siehe Kauderwelsch Band 38, Peter-Rump-Verlag, 1987 – aktuellere Zahlen habe ich nicht gefunden).

[5] Bewachte Wohngegend

[6] Reiches Viertel in Calcutta

[7] Oberschicht

[8] „Ich werde für dich kochen.“

[9] „wie verrückt“

[10] Privathaus, in dem die AIESEC-Prakikanten untergebracht wurden.

[11] “Du könntest Dich verirren!”

[12] Baumwollkleid, das weit über die Knie geht, aber nicht knöchellang ist. Die Ärmel können bis zu den Ellbogen gehen, oder sie bedecken den ganzen Arm. Auf den Schultern liegt ein etwa 1,50 m langes Tuch, das ganz individuell u. oft jede halbe Stunde anders getragen wird – der Zweck ist das Bedecken der Brust. Das Tuch (od. der „Schal“) eines Salvars kann d. gleiche Farbe haben wie das Kleid, meistens ergänzt es aber das Kleid durch eine ganz andere, passende Farbe. Unter dem Kleid trägt Frau noch eine mehr od. weniger eng anliegende Hose in exakt d. gleichen Farbe (kauft man einen Salvar, ist die Hose u. der Schal immer im Preis inbegriffen). Auch Salvars sind Einzelstücke; farblich sind sie generell nicht so auffällig wie Saris, sondern dezenter. Sie werden allgemein von unverheirateten Mädchen getragen.

[13] “Mann! Die halten sich an gar keine Regeln!”

[14] “Regenbogen-Kinder” = Name für die Straßenkinder, die in der Loreto-Schule wohnen

[15] Wörtl. “reguläre Schüler” = ganz normale Schulkinder, die für den Schulbesuch bezahlen, wie es in Indien üblich ist.

[16] “Trommle sie einfach alle zusammen, sie werden dir sagen, was sie tun wollen.”

[17] “der Name meiner Mutter”

[18] “SEI einfach mit ihnen. Auch wenn du sie nicht unterrichtest, schätzen sie dich dafür, dass du da bist und dass du eine Erwachsene bist, die sie respektiert. Denn viele der Regenbogen-Kinder haben keine Eltern oder sie sehen sie nicht sehr oft.“

[19] Alle Straßenverkäufer und Läden ohne Klimaanlage machen zwischen 11.00-11.30 Uhr und 16.30-17.00 Uhr Mittagspause.

[20] „Komm mit, bring mir was bei!“

[21] “Kommt mein Bruder etwa nicht?”

[22] “ungezogen, frech”

[23] “Nein!”

[24] “Tschüss! / Ciao ciao !”

[25] Übliches Inventar in indischen Wohnungen – keine Betten , sondern „Ausruh-Flächen“ für den Gebrauch tagsüber, auch für Gäste – kurz: überdimensionale Sofas, die mit unzähligen Kisschen ausgestattet sind

[26] Pfannkuchenähnliche Mehlteigfladen, aber viel besser als Pfannkuchen, wird in Kombination mit den anderen Speisen gegessen.

[27] “Dein Name wie?” = „Wie heißt du?“

[28] Körperliche Ertüchtigung

[29] „Irische Jungen sind frech!“

[30] „Er ist verrückt geworden.“

[31] Alles, was nicht melodiös oder etwa negativ klingt, ist nicht sehr beliebt. Deshalb haben aus dem Westen momentan z.B. nur Songs auf dem indischen Markt eine Chance, die so klingen wie die Werke der Backstreet Boys und Vengaboys...

[32] nach Loriot: „Mutter, wir danken dir!“

[33] „Was sie nicht kennen, vermissen sie auch nicht.“

[34] Merkwürdigerweise gab es diese Lassi, die wir als das Nationalgetränk der Inder kennen, in normalen Restaurants in Calcutta nicht.

[35] Ob dies alles an der Nobelhotel-Tradition lag? In Calcutta gibt es keine eigenen Gebäude für Discos oder ähnliche Jugend-Vergnügungsstätten, wie in der westlichen Welt. Wenn ich die AIESECer richtig verstanden habe, gibt es hier nur zwei „Discos“, die man bei uns eher „Tanzbar“ nennen würde, die erst Mitte der 90er eröffnet wurden und die nur der Oberschicht offen stehen.

[36] Luftiges Fladenbrot und Linsen“brei“

[37] ... wie die Nonne von den Sozialarbeitern und den deutschen Unterstützern liebevoll genannt wird.

[38] Eine Art Pfannenkuchen, in dem Gemüse, Zwiebeln, Currysauce und evtl. Fleisch eingerollt wird.

[39] Inzwischen studiere ich Soziologie im Nebenfach...

[40] „Gib mir zwei für 20 Rupees und schleich dich.“

[41] Hindu-Gott mit einem Elefantenkopf

[42] “Das macht solch einen Unterschied!”

[43] “Trage diese Klamotte ja nicht im Bus oder auf der Straße!”

[44] “Woher kommst du? Wie heißt du? Wie wäre es mit Sex?“

[45] “Du bist so hübsch!”

[46] Fremder

[47] „Warum musst Du wieder weggehen?“

[48] „nicht gut, zu alt, zu klein etc.etc.“

[49] dichterischer Ausflug in´s Englische, der das eben Gesagte nochmal beschreibt…

[50] “große Tochter”

[51] “Das ist deine weiße Tante”